Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Unser Weg zur Kunst
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 372 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Helene Hanna Cohn: des (heiligen) Schwammes zu einer weitläufigen Wellenlinie zerflossen ist, die oft den ganzen Teppich durchzieht. Eine Bestätigung für den symbolischen Charakter des orientalischen Ornamentes finden wir darin, daß, nachdem die Blütezeit orientalischer Kunstschöpfung vorbei war und die Weber, Glasmaler und Metallformer asiatischer Länder -sich auf eine Imitation oder leichte Abwandlung ihrer klassischen Kunstformen zu beschränken begannen, im Volke die Deutung lebendig blieb, die es mit den Liniengebilden seiner Kunst einst verbunden hatte. Noch heute, da Europa durch Einführung von elektrischen Webstühlen und Anilinfarben, von Baumwollstoffen und Glasschleifmaschinen, ja von „orientalischen" Mustern, die in — New-York oder Chemnitz entworfen wurden, den Orient um die Echtheit seiner Kunst betrügt, auch heute noch singen in persischen Teppichwerkstätten die Werkmeister den Webern nach bestimmten Weisen die Bedeutung der von ihnen gewebten Figuren beim Arbeiten vor: die Bedeutung des Kreises, der Wellenlinie, der Palmette, die Bedeutung des Weiß, des Schwarz, des Grün. Es fragt sich nun, ob irgendetwas von den auf uns überkommenen Äußerungen unsrer Vergangenheit darauf hindeutet, daß die Sehweise der Juden jener des Orients entspricht. In der Bibel ist, wie schon erwähnt, außer an ganz wenigen Stellen nirgends ein direkter Hinweis auf den Inhalt jüdischer Darstellungen. Das einzige, was uns hier den Weg weisen kann, ist die in der biblischen Sprache angewandte Methode zur Versinnbildlichung von Vorstellungen. Und hier zeigt sich eine seltsame Zwiespältigkeit der jüdischen Sehweise. Wir finden in den Juden der Bibel die Kraft, Unwirklichstes durch Bilder der Wirklichkeit auszudrücken, deren Anschaulichkeit durch nichts in der Welt übertroffen werden kann. Das Übersinnlichste kleidet sich in eine Allegorie, deren Sinn sich dem einfältigsten Verstände unmittelbar eröffnet. Die Zeder, der fruchtbare Weinstock, das Fischernetz, die geschmückte Buhlerin, die ihre Kinder tötende Mutter, die heranstürmenden Reiter und Wagen, die neben den Raubtieren ruhenden Herdentiere — lauter Bilder von einer Plastik, die nach bildnerischer Wiedergabe zu schreien scheint, oder in der sich vielleicht das ganze zurückgedrängte Gestaltungsverlangen eines Volkes konzentrierte. Das sind Bilder, die unbedingt darauf hinzudeuten scheinen, daß die jüdische Sehweise gleich der des Abendlandes im Erlebnis der Formen des Lebendigen beruht, die dann durch den Feuergeist jüdischen Ethos beseelt wurden. Aber neben dieser Sehweise findet sich eine ganz andre. Sie findet sich nur an vereinzelten Stellen und nur im Munde einzelner. Man denke an das Gesicht des Jecheskel, von dem nur einige wenige Stellen hier zitiert sein mögen: „Und die Bildung der Tiere, sie waren anzusehen wie feurige Kohlen, brennend wie Fackeln, sie (die Flamme) fuhr umher zwischen den Tieren und ein Strahlenkranz war um das Feuer, und aus dem Feuer kamen Blitze." „Und ihre Felgen hatten eine Höhe zum Erschrecken, ja ihre Felgen waren voll Augen ringsum." „Und auf dem Bilde des Thrones war oben darauf ein Bild anzusehen wie ein Mensch. Und ich sah wie den Blick des Golderzes, was aussah wie Feuer im Innersten desselben ringsum von dem Bilde seiner Lenden aufwärts; und von dem Bilde seiner Lenden abwärts sah ich, was aussah wie Feuer und einen Strahlenkranz daran ringsum."