Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Unser Weg zur Kunst
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 370 (sequence 4)
- Language
- German
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370 Helene Hanna Cohn: Eines sei hier nicht vergessen: die Grenzen des Abendlandes und jene des Morgenlandes fallen in künstlerischer Hinsicht nicht mit der geographischen Abgrenzung der beiden Begriffe zusammen. Die ganze mongolische Kunst, aber auch die des alten Ägypten deutet auf eine Empfindungsweise hin, die der des Abendlandes verwandt ist. Und in einzelnen Schöpfungen europäischer Kunst — und zwar dort, wo sie sich am stärksten zur Gotik entwickelte — treten Momente orientalischen Fühlens zutage. In unseren Tagen nun hat eine Berührung von Orient und Okzident auch in der Kunst begonnen, aber so, daß mehr der Orient auf den Okzident zu wirken scheint als dieser auf jenen. Moderne türkische Maler, die in Pariser Ateliers studierten, wurden fruchtbar nur, indem sie mit einem Schlage den Orientalen abschüttelten und den Europäer anzogen. - Dagegen macht sich in allerjüngsten europäischen Kunstströmungen eine Sehweise geltend, die durch Linie und Farbe allein Empfindungen hervorzurufen strebt. Nur fehlt ihnen häufig das mystische Grunderlebnis, das den Formen und Linien des orientalischen Künstlers ihren geheimen Sinn gibt. Oder da, wo versucht wird (wie Futuristen es tun), durch Aneinanderreihung des Einzelnen ein ganzes Erlebnis zu gestalten, fehlt dem Europäer die unbedingte Sicherheit für Farbe und Form, die es dem Orientalen gestattet, durch Linienspiel auszusprechen, was der Abendländer glaubt durch eine unorganische und oft lächerlich wirkende Vereinigung von Teilbildern ausdrücken zu können. Daß es heute irgendwo schon zu einer künstlerisch vollendeten Synthese von Orient und Okzident gekbmmen wäre, sehen wir nicht. Wird es vielleicht einem Volke, an dessen Seelenbildung Orient und Okzident zu gleichen Maßen gewirkt haben, vorbehalten sein, diese Synthese zu finden? Wird es den Juden vorbehalten sein, nach ihrer Rückkehr in das Land auf der Schwelle von Morgen und Abend eine Versöhnung zwischen ihrer beider Kunst herbeizuführen? Um irgendeine Vorstellung von dem Wege zu bekommen, auf den uns unser künstlerisches Schaffen in Palästina führen kann, ist es notwendig, daß wir uns über die jüdische Sehweise in unsrer klassischen Zeit Rechenschaft geben. Von Werken jüdischer Bildekunst ist uns nichts erhalten geblieben, und auch in dem Buche, das unsres Volkes Leben in seinen feinsten Verästelungen widerspiegelt, finden wir nur an ganz wenigen Stellen ein Wort, das auf irgendwelche Beschäftigung des Volkes Israel mit bildender Kunst hindeutet. Nur dort, wo vom Bau der Stiftshütte, des Tempels und des salomonischen Palastes die Rede ist, finden wir Hinweise auf eine vielverzweigte künstlerische und kunstgewerbliche Tätigkeit. (Die alte Frage, ob die Juden ihre großen Kunstbauten selbst ausgeführt haben oder sie durch Landesfremde ausführen ließen, kann keinen Einfluß auf die Beurteilung ihres künstlerischen Geistes haben, denn den Plan der Bauten bis in die letzte Einzelheit hinein erweist die Bibel als jüdischen Ursprungs. Ob der Plan dann von Juden oder Nichtjuden ausgeführt wurde, ist in künstlerischer Hinsicht belanglos.) Diese Stellen sind auch die einzigen, die uns einen Begriff vom Inhalt der Darstellungen des Volkes Israel geben. Wir finden hier erwähnt Nachbildungen von Cherubim, Mandelblüten und Granatäpfeln (Exodus 25, 35, 39); von Koloquinthen, aufgebrochenen Blumen, Löwen, Rindern, Lilien- und Rosenwerk (Könige 6, 7); und von Palmenverzierungen (Jecheskel 40). Einige nun der hierbei verwandten Ausdrücke lassen