Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 359 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 359 Efraim, das sogenannte „Hamalach hagoel" (Genesis 49, 16). Nach Absolvierung des „Krieschme Leinens" werden an Belfer und Kinder Wein bzw. etwas Likör, Torte, Honigkuchen und Konfekt verteilt. Der „Belfer" bekommt überdies noch ein Geldgeschenk in die Hand gedrückt. Während der ganzen „Wachnacht" wird im Hause gewacht. Einige Bekannte oder Verwandte der Familie kommen dort zusammen, um die ganze Nacht hindurch mit frommer Lektüre und ganz besonders mit Talmudstudium die Zeit zuzubringen. Schon im Mittelalter pflegten die deutschen Juden, um böse Dämonen zu verscheuchen, im Hause der Wöchnerin während der Wachnacht dem Studium des Talmud obzuliegen. (Güdemann a. a. 0.) Dem Talmud soll auch nach kabbalistischer Ansicht die größte Kraft zur Bekämpfung der Lilit und ihres Gefolges innewohnen, er soll auch die wirksamste Waffe sein, die ihnen gegenüber in Anwendung gebracht werden könne. Der Zahlenwert des Wortes „Talmud" nämlich ist dem des Wortes „Lilit" gleich; er beträgt bei beiden 480 (400 + 30 -f 40 + 6 -|- 4 30 + 10 -f- 30 + 10 -f- 400 480). Der Talmud ist somit durch den gleichen Zahlenwert an äußerer Kraft der Lilit gleich, er ist ihr aber noch überdies durch die ihm innewohnende Kraft der Heiligkeit unendlich überlegen. (Emek Hammelech, Jalkut Reubeni Abschnitt Breschit.) Denselben Zahlenwert enthält auch das Wort „T(o)f" (400 + 80), d. h. die Pauke. Um dem Ansturm der Lilit auf die jüdische Frau bei Überschreiten des Meeres nach dem Auszuge aus Ägypten wirksam zu begegnen, ergriff Mirjam, die Schwester Moses, die „Tof" (Exodus 15, 20) und unter Gesang, Paukenschlag mit Tanz vollführte sie die Befreiung des jüdischen Weibes von der Macht der Lilit (Jalkut Reubeni a. a. 0. und Abschnitt Beschalach). Die unter Talmudstudium, Psalmenlesen usw. Wachenden werden mit Speisen und Getränken bewirtet. Sie entfernen sich erst am hellen Morgen. Nach Sonnenaufgang ist kein heimtückischer Überfall von Dämonen mehr zu befürchten. Im übrigen schläft selten jemand von der nächsten Umgebung im Hause der Wöchnerin, da ja alle, besonders die Frauen, mit den letzten Vorbereitungen zu der am Morgen stattfindenden Beschneidungsfeier die ganze Nacht hindurch vollauf zu tun haben. Nun ist der erwartete Tag gekommen. Das ganze Haus und die Verwandten rüsten sich in gehobener fröhlicher Feststimmung für den bedeutungsvollen Moment. Neben der Wahl des Namens, den das Kind bekommen soll, ist es auch die Frage der Verteilung der beim Beschneidungsakte üblichen Ehrenfunktionen, nämlich des „Sandek" und der „Kwatter", die die Eltern und namentlich den; Vater beschäftigt. Bei der Wahl dieser Ehrenfunktionäre wird fast mit derselben Vorsicht ans Werk gegangen, wie bei der Wahl der „Unterführer"*) anläßlich einer Trauung, nur mit dem Unterschied, daß im Gegensatz zu der Rolle der Unterführer mit der „Kwatterschaft" auch Unverheiratete beehrt werden können. Die wichtigste und zumeist ehrende Funktion beim Beschneidungsakte ist die des sogenannten „Sandek". Seine Tätigkeit besteht darin, daß er während des Beschneidungsaktes das Kind auf seinen Knieen hält. Die Bezeichnung „Sandek" dürfte wohl vom griechischen „ovv&ikoq", d. h. der Beistand, herrühren. Andere (Perles, Zur Rabbinischen Sprach-, und Sagenm •) Über „Unterführer" siehe meinen Aufsatz: „Ehe", „Der Jude" Jahrgang III, Hefts, Seite 220,