Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 358 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Samuel Rappaport: verständlich wird in einem solchen Falle, in dem eine Beschneidung über den Termin hinaus verschoben werden soll, was übrigens nur äußerst selten vorkommt, stets auch ärztlicher Rat und Hilfe eingeholt. Sind die Vorsichts- und Schutzmaßregeln gegen den Einfluß böser Dämonen schon seit dem ersten Geburtsmomente des Kindes geboten, so erscheinen sie in der der Beschneidung vorangehenden Nacht ganz besonders vonnöten. Am achten Tage nach der Geburt des Knaben, in dem Moment, in dem der Knabe durch Annahme des Bundeszeichens in die Gemeinschaft Israels aufgenommen ist, haben jegliche böse Dämonen die Macht über ihn verloren. (Alphabetum Siracidis a. a. 0.) In der letzten Nacht vor der Beschneidung, also sozusagen noch im äußersten Momente, soll Lilit und ihr Gefolge direkt oder durch allerlei Boten noch die letzten aber größten mit allerlei Arglist ausgestatteten Anstrengungen machen, um zum Kinde Zutritt zu erlangen und ihm an Leib und Leben Schaden zuzufügen. Zahlreiche im Osten umlaufende Legenden erzählen, wie bei manchen Eltern viele Kinder hintereinander in der der Beschneidung vorangehenden Nacht, durch unsichtbare Dämonen oder durch in ihrem Dienste stehende, als schwarze Katzen erscheinende Zauberer in unheimlich rätselhafter Weise ums Leben gekommen sind. Manchem Zaddik soll es sogar gelungen sein, durch kabbalistische Mittel solche schwarze Katzen in dieser Nacht im Zimmer des Kindes in Säcke einzufangen und unschädlich zu machen. Zum Schutze des Kindes muß nun die ganze Nacht hindurch im Hause Wache gehalten werden. Diese Nacht wird deswegen allgemein „Wachnacht" genannt*). Die Wachnacht wird mit einem „Krieschme Leinen", d. h. mit dem Lesen des „Schma Israel" sowie der dazugehörigen Bibelverse eingeleitet. Schon seit dem ersten Tage nach der Niederkunft wird an jedem Abend im Hause der Wöchnerin „Krieschme geleint"; in der „Wachnacht" jedoch gestaltet sich das „Krieschme leinen" ganz besonders feierlich. Unter Führung der „Belfer" (=Behelfer, d. i. der Lehrgehilfe im Cheder), versammeln sich im Hause der Wöchnerin Kinder der zwei untersten Chederklassen, etwa 30 bis 40 an der Zahl, denen sich auch, mit Rücksicht auf die zu erwartenden Leckerbissen, Kinder aus einem anderen Cheder anschließen,' um daselbst „Krieschme" zu „leinen". Das „Schma Israel" aus dem Munde noch blutjunger unschuldiger, erst 4 bis 6 Jahre alter Kinder soll vorzüglich geeignet sein, böse Unholde aus der Nähe der Wöchnerin und ihres, der baldigen Aufnahme in den heiligen Bund Abrahams gewärtigen Kindes wirksam zu verscheuchen. Mit dem Rufe „Gitnuwent (Guten Abend) Maseltow" betreten nun die Kinder, mit dem „Belfer" an der Spitze, das Haus. Sie nehmen Aufstellung in dem der Wöchnerin angrenzenden Räume. Ist dies aber nicht möglich, d. h. wenn die Familie so arm ist, daß sie bloß über einen Raum verfügt, dann erfolgt das „Krieschme leinen" im Zimmer der Wöchnerin, wobei aber ihr Lager durch einen Vorhang verhüllt bleibt. Der „Belfer" sagt die für das „Krieschme Leinen" bestimmten Sätze vor, und aus allen Kinderkehlen ertönen sodann die Worte laut nach. Es sind dies die Sätze der Bibel: „Schma Israel" bis „ubischarecha" (Deuteronomium 6, 4—9), endlich der Segen Jakobs an Manasse und *) Die besonderen Gefahren, die in dieser Nacht dem Kinde drohen, waren schon den deutschen Juden im Mittelalter bekannt, sie wurde dort schon damals, ebenso wie noch heute im Osten „Wachnacht", bei den elsässischen Juden jedoch „Wazinacht" (= Spuknacht) genannt. (Güdemann, Geschichte der Kultur u. des Erziehungswesens usw. Bd. III, Seite 105.)