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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 8 · p. 357

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1919-01-01
Page
357 (sequence 3)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 357 denn sie sind ganz, selbst deren Keimstelle, von einer Hülle bedeckt. Durch diese Eigenschaften erscheinen sie als Speise für ein Trauermahl am besten geeignet. Am Vorabend des neunten Ab, des nationalen jüdischen Trauertages, wie an jedem nach einem Begräbnis stattfindenden ersten Trauermahle der Hinterbliebenen werden Erbsen oder Eier, letztere in manchen Gegenden mit Asche bestreut, den Leidtragenden vorgesetzt*). Die in rundem Zustande, halbhart gesottenen Erbsen sollen somit bei dem Mahle die Trauer des Knaben um sein verlorenes Torahwissen symbolisieren. Zum Zeichen der Teilnahme werden sie an sämtliche Gäste verabreicht. Man glaube aber ja nicht, daß es bei diesem Trost- und Kondolenzbesuch etwa still und beschaulich zugehe. Es herrscht im Gegenteil bei einem jeden „Schülern Sucher"-Mahle eine feuchtfröhliche Stimmung. Insbesondere bei Chassidim, die im Beisammensein, ihrem Temperamente und ihrer anerzogenen Eigenart ent- * sprechend, im Lustigsein stets mehr als die Mitnagdim die Zügel schießen lassen, ist ein solcher Abend fast immer von einem überaus herzlichen Frohmut erfüllt. Je nach dem materiellen Können des Hausherrn werden am „Schülern Sucher"- Mahle den Gästen allerlei Speisen wie Fische, Fleisch, Kuchen auf Eier bzw. Öl gebacken, für die das rituell zum Brote vorgeschriebene Händewaschen nicht nötig ist, zumal ja alle Gäste das pflichtgemäße Sabbatmahl des Freitagabends schon bei sich zu Hause eingenommen haben, ferner Nüsse, Mandeln, schließlich Getränke wie Schnaps, Wein, Bier und Met, deren Genuß insbesondre die offiziellen, in reichlich mit Salz und Pfeffer bestreuten Erbsen empfehlen, vorgesetzt. Der Schmaus wird, wie jedes ähnliche gesellige Beisammensein, von talmudkundigen Gästen — und an solchen fehlt es in der Regel nicht — durch schöne homiletische Erklärungen und Deutungen, die auf den Moment Bezug haben (meinjanah dejomah), aus Bibel, Talmud und Midrasch gewürzt und geweiht, wobei gewöhnlich allen diesen Homilien und Ausführungen der Gedanke des Friedens (Schalom) und des Segens zugrunde liegt. Die Stimmung wird allmählich gehoben und steigert sich zur lebhaften Fröhlichkeit, die im Chorälen Absingen verschiedener lustiger Weisen, nach Texten von Hymnen aus Psalmen und dem Gebetritual, ausklingt. Nicht selten werden, insbesondere unter Chassidim, bei solcher Gelegenheit unter Absingung frommer, froher Lieder Reigen gebildet und im Kreise frisch und hurtig gehüpft und getanzt. Der „Schülern Sucher"-Schmaus zieht sich zu allermeist bis spät nach Mitternacht, mitunter sogar bis Tagesanbruch hin. Vergnügt und gehoben, im Bewußtsein, an einem frommen, von der Tradition empfohlenen, jüdischen Familienfeste mitgetan und zur Freudigkeit beigetragen zu haben, begeben sich nun die Gäste jeder in sein Heim, um noch vor dem Morgengottesdienste ausruhen zu können. Einige Tage vor der „Brit Milah"-Feier bekommt das Kind den Besuch des „Mohel" (d. i. der rituelle Operateur, der die Beschneidung vollzieht), der es auf seine Gesundheit und körperliche Entwicklung untersucht um festzustellen, ob die Beschneidung an dem von der Tradition festgesetzten Termin, d. i. am achten Tage nach der Geburt, vorgenommen werden könne, da sie sonst im Sinne der Traditon bis zur Gesundung des Kindes hinausgeschoben werden muß. Selbst- *) Nach dem Talmud soll das Linsengericht, das Jakob dem Esau um den Preis der Erstgeburt überlassen hat, vom ersteren als Speise der Trauer um den an diesem Tage Heimgegangenen Abraham bereitet worden sein. (Tr. Baba Batra 16B.)

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