Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 356 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Samuel Rappaport: An dem der Geburt folgenden Freitagabend, nach dem Abendessen, versammeln sich Verwandte und Freunde im Hause des Neugeborenen zum fröhlichen „Schülern Sucher"-Mahl. Dieses Mahl ist traditionell und sogar als „Seudat- Mizwah" geboten (Glosse des „RMuh" a. a. 0.). Dieses gemütliche Zusammenkommen findet ausschließlich zu Ehren des Neugeborenen statt und bedeutet dabei zugleich, so eigentümlich dies auch scheinen mag, einen Trost- und Kondolenzbesuch, der ihm von den Anwesenden bei dieser Gelegenheit abgestattet wird. Nach talmudischem Ausspruch nämlich sollen die Kinderseelen, bevor sie in das irdische Sein hinabsteigen, im Himmel Torah lernen. Vom Urlicht, das von der Sonne der Torah ausstrahlt, erleuchtet, umfaßt ihr Auge das ganze Weltall von einem Ende zum andern. Selbst die höchste auf dieser Erde mögliche Wonne kann sich jener nicht vergleichen, in der sich dort die reinen Kinderseelen vergnügen. Dieser glückselige Zustand der Seele dauert aber nur so lange, als sie frei von jeder Materie sich im Glänze der Torah, im Himmel sonnen darf. Kaum ist jedoch die Seele in die irdische Hülle getreten, kaum hat das Kind den Mutterleib verlassend das Licht der Welt erblickt, als ein Engel in demselben Momente ihm einen Streich auf den Mund versetzt, wodurch es sein ganzes Torahwissen, kurzum alles, was es im Himmel gesehen und gelernt, bis auf den letzten Rest vergißt.*) Als tabula rasa tritt nun jedes Kind -auf diese Welt. (Tr. Niddah 30B. Talmud Jeruschalmi, Tr. Sabbat, Abschnitt 6 Ende.) Nach kabbalistischer Ansicht soll es gerade Gabriel, der Schutzengel der Kinderseelen sein, der dem Kinde diesen Streich versetzt. (Sohar, Raja Mehemna Abschnitt Bo.) Das Wissen, das man sich später im Leben aneignet, kann nun nicht als ganz neu und zum erstenmal gelernt gelten, sondern bloß als eine Wiedererinnerung des bereits in der Seele vorhanden gewesenen, das jedoch durch den verhängnisvollen Streich des Engels sozusagen in das Unterbewußtsein versenkt wurde. Durch Lernen gelangt dies, bis nunzu unter der Schwelle des Bewußtseins schlummernde Wissen aus den Tiefen der Vergessenheit als Wiedererinnertes und Wiedererkanntes an die Oberfläche zurück. Ein Gedanke, der, wie schon Manasse ben Israel (Nischmat Chaim II 18) treffend bemerkt, an die Reminiszenztheprie der Platonischen Ideenlehre lebhaft erinnert. Der Knabe hat demgemäß im Momente seiner Geburt all sein reiches Torahwissen hinter sich lassen und völlig geistesarm diese Welt betreten müssen. Die an dem der Geburt folgenden Freitagabend in seinem Hause zum „Schülern Sucher"-Mahl sich einfindenden männlichen Verwandten und Freunde sollen ihm nun Trost und Beileid anläßlich seines so schweren Verlustes zum Ausdruck bringen. (Tore Sahab a. a. 0. sowie die Glosse des „Beer heteb" zur Stelle.) Als Kennzeichen der-Trauer des Knaben um sein verlorenes Torahwissen werden am „Schülern Sucher"-Mahl den Gästen neben anderen Speisen und Getränken auch Erbsen, das Symbol eines Trauermahles, verabreicht. Nach jüdischer Tradition symbolisieren Speisen von runder Form, wie Erbsen, Linsen und Eier, den Tod. Der Tod wälzt sich, rund wie ein Rad, über alles Lebende im Weltall („Galgal hachoser baolam"), auch hat er keinen Mund, d. h. er handelt schweigsam ohne Rede. Auch Erbsen, Linsen und Eier sind gleich dem Tode von runder Form und wie er ,,besitzen sie keinen Mund", *) In Galizien erzählen sich die Kinder im Cheder, daß die senkrechte Vertiefung an der Oberlippe, unter der Nase des Menschen, von jenem Streich, den das Kind bald nach seiner Geburt vom Engel empfängt, herrühre.