Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 355 (sequence 1)
- Language
- German
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Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN V. Geburt 6. Schalom Sachar und Brit Milah. Während die Geburt eines Mädchens relativ still, zumeist im engeren Familienkreise und im allgemeinen ohne besondere Veranstaltungen gefeiert wird, bietet die Geburt eines Knaben zu feierlich weihevollen ebenso wie zu gemütlichen Begehungen besonderen Anlaß. Die Geburt eines Knaben ist ein Geschehen, das nicht nur, als private Angelegenheit, den engeren Familienkreis angeht, sie erscheint als Ereignis, das des allgemeinen jüdischen Interesses wert ist und in kleinen Städtchen oft sogar die ganze Gemeinde zu freudigem Zusammenkommen aufruft. Das Gerücht, X. habe einen Sohn bekommen, verbreitet sich wie ein Lauffeuer im weiten Bekanntenkreise und wird, gleichsam instinktiv, als ein für das jüdische Gemeinwesen freudiges Ereignis empfunden. Ein Jude ist geboren. Der Stamm ist um ein Mitglied bereichert worden. Schon vom ersten Momente der Geburt eines Knaben bis zur Beschneidungsfeier, dem sogenannten „Brit Milah", geht es im Hause überaus geschäftig zu. Der Vater und die Verwandten, sonderlich die weiblichen, haben mit den vielen Vorbereitungen zum „Schülern Sucher" und zur „Bris Mile"-Feier vollauf zu tun. Da gibt es ein Kommen und Gehen, ein Kaufen und Besorgen, ein Kochen und Backen, fast als ob man zu einem Hochzeitsfeste rüste. Selbst bei armen Familien wird für den „Schülern Sucher" und „Bris Mile" nach Möglichkeit und mit nicht geringen materiellen Opfern reichlich für die Bewirtung der Gäste zusammengeschafft. Der „Schülern Sucher" ist ein gemütlich fröhliches Zusammensein von Verwandten, Freunden und Bekannten, aber nur Männern, und findet im Hause des Neugeborenen an dem der Geburt folgenden Freitagabend statt. Kein weniger als acht Tage altes Opfer durfte einst im Lande der Väter dargebracht werden. Auch der neugeborene Jude, der seinem Gotte sich zu opfern bereit ist, soll erst am achten Tage nach seiner Geburt, innerhalb welchen Zeitraumes ein Sabbat folgen muß, an Elijahus Stuhl vor seinem Gotte erscheinen. Bevor er vor den König der Könige gebracht wird, muß er von der Königin Sabbat empfangen werden, aus welchem Anlaß auch am Abend, an dem sie in jedes fromme jüdische Haus ihren feierlichen Einzug hält und an dem jeder Jude heilige Seelenruhe und freie sorgenlose Zeit zu fröhlichem Zusammenkommen besitzt, der gemütliche „Schülern Sucher" veranstaltet wird. („Tore Sahab" zur Glosse des „RMuh" [R. Moses Isserls] ad Schulchan Aruch, Joreh Deah § 265 Absatz 12.) Die Bezeichnung „Schülern Sucher" (Schalom: Friede, Sachar: Mann) ist eine schwer übertragbare Zusammensetzung zweier hebräischer Wörter und bedeutet wörtlich: Friede dem oder des Knaben. Die Bezeichnung verdankt vermutlich ihre Entstehung einem Ausspruch des Talmud: „Mit der Geburt eines Knaben kommt Friede in die Welt" (Tr. Niddah 30 B), was besagen will, daß die Geburt eines Knaben Glück und Frieden verheiße. Der Sabbat als Symbol des Friedens wird in der alten und vornehmlich in der kabbalistischen Literatur als „Schalom", dh. Friede bezeichnet. Möglich, daß die Bezeichnung „Schülern Sucher" auf diese Deutung Bezug hat. „Schülern Sucher" würde in diesem Sinn bedeuten: der dem neugeborenen Knaben gewidmete Sabbat. (Sohar, Abschnitt Korach.) 23*