Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition als geistige Voraussetzungen eines Sozialismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 353 (sequence 11)
- Language
- German
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Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition 353 gegen die Einseitigkeit jener wende, so auch gegen die Einseitigkeit derer, die die urjüdische Komponente ganz übersehen, ganz bagatellisieren. Ich negiere die transzendente Verpflichtungskraft, aber nicht die immanente Richtkraft des jüdischen Geistes. Dem entsprechend wird es mich auch nicht anfechten, wenn man vielleicht auf eine Stelle oder einige Stellen im altjüdischen Schriften hinweisen sollte, die gegen eine soziale Gesinnung zeugen. Denn es kommt erstens nicht auf den einen oder andern Ausspruch an, sondern auf den Geist des Totalen, und zweitens haben wir eben die Freiheit des Wählens und sollen sie haben. Und da nicht nur die noch weiter links stehenden jüdischen Sozialisten, sondern oft auch die Poale-Zion in der Formulierung der Ausgangsstellung und Zielsetzung sich als die Vertreter eines Teiles des Weltproletariats, der sozusagen zufällig jüdisch ist, aus dem Volksganzen herausgehoben betrachten, so möge auf ein charakterisierend Nebensächliches hingewiesen sein: Wenn die Poale- Zion, obgleich kleinerer Anzahl, mehr Beachtung und Verständnis beim internationalen Sozialismns finden als z. B. der „Bund", so haben sie das der Bedeutung zu verdanken, welche, ganz ohne Hinblick auf ökonomische Theorien, die Höchstkultivierten unter den Internationalen der jüdischen Volkseinheit als Trägerin einer vieltausendjährigen Kultur beilegen und der Achtung, die sie dem Volke von Moses, Christus, Spinoza usw., der Kontinuität des jüdischen Volksorganismus und seiner geistigen Leistung entgegenbringen. Als Vertreter dieses geistig-historischen Volksintegrals werden eben die Poale-Zion, oft gegen ihre eigene Einstellung, angesehen.-----------— — — Und wenn jemand einwendet, daß viele der von mir in den Vordergrund gestellten sozialen Inhalte der jüdischen Tradition nicht ein spezifisch Unseriges seien, sondern sich in vielen anderen archaisch-patriarchalischen Traditionen in dieser oder jener Form finden, so wird es des Versuches nicht bedürfen, dies zu widerlegen, obgleich diese Widerlegung, wie ich glaube, nicht schwer fallen dürfte. Vielmehr genügte als Entgegnung der Hinweis, daß wir uns dann, die gegnerische Annahme zugegeben, darin unterscheiden, daß bei jenen Völkern ihre archaische Tradition ein längst spurlos Verlorenes, in unserem Volke aber die Quellen oder die Niederschläge jener Zeit noch in irgend einer Erscheinungsform, zumindest im übertragenen Sinne, durch äußere und innere Umstände lebendig geblieben sind oder es leicht werden können.-----— — Das romantische Element, die romantische Komponente des Nationalismus ist aber auch abgesehen vom spezifisch Jüdisch-Inhaltlichen an sich für die Erneuerung eines Volkes von der höchsten Bedeutung. Und gar schon ein durch anormale Verhältnisse so vertrocknetes, denaturiertes Volk wie das unsere kann nicht aus kühler Einsicht allein zu neuem Leben emporgehoben und befruchtet werden, sondern nur aus den tiefsten heißen Quellen der Seele, aus den Kräften, die unzählige Generationen vor uns in unseren nationalen Trieben aufgespeichert und die wir kommenden Geschlechtern weiter als ein Irrationales zu vererben haben. Es wird also keine genügende Entgegnung von Seiten der Gegner bedeuten, wenn sie mir sagen werden: Du hast vielleicht recht, insofern dir an der Kontinuität der geistigen Tradition liegt und am Heft8. 23