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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 8 · p. 354

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Article
Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition als geistige Voraussetzungen eines Sozialismus
Date
1919-01-01
Page
354 (sequence 12)
Language
German
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354 Abraham Schwadron: Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition romantischen Element in ihr; uns aber liegt nichts an all dem. Wenn sie das sagen, so haben sie mich nicht widerlegt. Denn der ganze Sinn meiner Ausführungen wendet sich ja eben gegen ihr Nichtsdaranliegen, seine Unfruchtbarkeit und Schädlichkeit für das uns allen Gemeinsame. Und wenn ich Sie hier zu einem Opportunismus, zu einer Annäherung in den Kulturfragen an die bürgerlichen Zionisten zwecks Erwirkung des gemeinsam Erstrebten aufrufe, so mag das unzeitgemäß für jene erscheinen, die nach den revolutionären Ereignissen des letzten Jahres einem immer stärkern Radikalismus zuneigen. Aber gestatten Sie mir, einem sozialistisch überzeugten Menschen, die Konstatierung: Wie die Lehren der letzten Revolutionszeiten uns allen das Wohlgefühl der Sicherheit des relativ baldigen allgemeinen Sieges des Sozialismus gegeben haben, so anderseits auch ein höchst schmerzliches Gefühl. Wir haben nämlich als Sozialisten uns immer eine selbstverständliche schöne Geradheit der sozialistischen Entwicklung vorgestellt. Mochten auch diese und jene Differenzierungen und Streitigkeiten in der sozialistischen Theorie und Methodik vorhanden gewesen sein, so dachten wir doch, daß, ist einmal die kapitalistische Ordnung irgendwie erschüttert, die neue Ordnung, die wir sozialistischen Menschen für gerecht halten, als ein selbstverständlich Einheitliches, Eindeutiges auf die Welt kommen wird. Dieses große, hohe Ideal der Geradheit und Einheitlichkeit erscheint schon jetzt als zerstört, da die Geburt der letzten sozialistischen Gebilde bereits mit so -vielen und prinzipiellen Zerklüftungen verbunden war, da die Kämpfe in ihnen mit tieferer Erbitterung geführt wurden, als die gegen den Kapitalismus, mit blutigeren Waffen und oft mit gemeineren. Man sage nicht, das seien erstens Geburtswehen und zweitens bloß Fragen der Methoden, des Weges, nicht des Wesens, des Ziels. Nein; denn vergessen wir nicht, daß auch die Ziele der kapitalistischen Gesellschaft immer von den sich in ihr bekämpfenden Parteien und Richtungen als die im Wesen gleichen angegeben wurden — und doch! Diese schmerzliche Erwägung muß uns alle wohl nicht in der sozialistischen Gesinnung, doch aber in der Sicherheit der Überzeugung von der Unfehlbarkeit unserer Methoden zu tiefst erschüttern. Auf daß wir nie die schwankenden Verschiebungen im Sozialismus vergessen, die noch kommen können, noch kommen werden; daß wir uns nicht die verschiedensten Probleme durch den Sieg dieser oder jener Richtung als erledigt vorstellen, sondern noch für viele Generationen, wenn nicht für immer, auch im Sozialismus mit Gegensätzen und Kämpfen und Relativitäten und darum der Notwendigkeit manigfacher Bündnisse und Gemeinsamkeits-, Gemeinschaftsbindungen zu rechnen haben werden. — Das müßten natürlich mehr noch als die Poale-Zion die nicht-national gerichteten jüdischen Sozialisten bedenken, die immer sagen: Wenn diese oder jene Strömung gesiegt haben wird, dann ist die Judenfrage gelöst. Nein, bis diese oder jene Richtung als Siegerin ins Leben tritt, ist sie ihrer innern Natur nach bereits differenziert, mit tausend Zufälligkeiten und „Realitäten des Lebens" verbunden, und niemand vermag die Spaltprodukte und deren Wirkungen zu übersehen.---—-------— —■ Wien Abraham Schwadron

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