Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition als geistige Voraussetzungen eines Sozialismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 351 (sequence 9)
- Language
- German
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Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition unter den Juden ausgebreitet hätte, wenn also statt der Heidenchristen die Judenchristen die Oberhand gewonnen hätten. — Aber jeder Vergleich hinkt Nun ist aber zum Punkte Tradition zu bedenken, daß bei unseren} Volke die Zeit des staatlichen Eigenlebens und die der Zerstreuung zwei ideell vielfach und gründlich getrennte Welten bilden. Wobei diese zwei Epochen vornehmlich durch die Möglichkeit beziehungsweise Unmöglichkeit geschieden sind, die Leitlinien und Formen des Lebens selbst zu bestimmen, weiters durch das Umgebensein von der fremden, assimilierenden Welt in der Galuth, was auf die geistige Struktur des jüdischen Volkslebens von tiefstem Einfluß sein mußte und muß. Also auch hinsichtlich der allgemeinen sozialen Wertungen in der Judengemeinde. Immer weniger und weniger — um an das früher gebrachte Beispiel anzuknüpfen — wurde es möglich, daß ein Handwerker oder Arbeiter wie in alter Zeit der führende Mann im Städtchen wäre, und immer mehr ward Besitz und Kapital das Verehrungswürdige in der jüdischen Gasse. Konnte doch nur Geld und wieder Geld ein irgendwie erträgliches Leben von den „Anderen" erkaufen. Die Bewertungsmaßstäbe der letzten Zeit wurden also im Gegensatze zu den früheren anti-sozial. Bei den Westjuden in gar krasser Weise, wo es ja außerhalb der Offizialität von Feiertagspredigt und Festartikel selten ein wahrhaftes Ideal außer Geld und Karriere gab; bei den Ostjuden lebte wohl noch in größerer oder kleinerer Intensität auf religiöser Grundlage eine Ehrfurcht vor dem Geistigen, aber mit dem Fortschreiten der Europäisierung, dem Schwinden der Religiosität sowie der Kenntnis des althebräischen Schrifttums schwand auch diese Ehrfurcht immer mehr. Wenn man also in der jüdischen Masse die Ideale eines wesenhaften Sozialismus aufleben lassen wollte, so hätte man demnach an die alte Tradition anknüpfen müssen, an die der Bibel, der Propheten, des Midrasch, kurz: des Hebraismus, nicht an die der Galuth, wo z. B. die Juden eine Zeitlang Hauptvermittler des Sklavenhandels waren, nicht an die des letzten Jahrhunderts, wo in der jiddischen Gasse der Propinator, der Licht- und Fleischsteuerpächter die maßgebende Persönlichkeit ward und wo der antisoziale Hyperindividualismus so schön blühte. Der Poale-Zionismus aber tat das Gegenteil. Kriterium für jüdisches Wesen war ihm nicht der alte granitene Kulturstil der Bibel, von der Nietzsche sagt, daß sie Menschen, Dinge und Reden von einer Größe aufweise, der die Inder und Griechen nichts zur Seite zu stellen vermögen, sondern dem Poale-Zionismus war der Ausgangspunkt für Jüdisch die ohnmächtige Unzufriedenheit, die unschöpferische Disharmonie, die tiefe, wehe Gedrücktheit des siechen Ghettos, wie es sich etwa bei Pinski spiegelt. Ähnlich wie in einer andern Sphäre gewissen westlich-bürgerlichen Zionisten früherer Zeiten — und eine große Zahl der heutigen Zionisten ist leider noch immer von der Art jener früheren Zeiten — einige zionistische Propaganda-Schriften als die Quelle und geistige Grenze des Jüdischseins erschienen sind. Auch diesen zionistischen Kreisen war der alte, originäre jüdische Geist fremd, darum war und ist den leisten von ihnen auch der soziale Geist des alt jüdischen Kulturbewußtseins fremd; darum konnte ihnen z. B. die reingermanische Protzenhaftigkeit und unsoziale Exklusivität gewisser studentischer Formen als Symbole jüdischer Gesinnung gelten. Man sieht: ich berühre hier nicht die Gegensatzpaare Kapitalismus-Sozialismus und Jiddisch-Hebräisch an sich, d. h. ich spreche hier nicht über ihre ab-