Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition als geistige Voraussetzungen eines Sozialismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 350 (sequence 8)
- Language
- German
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350 Abraham Schwadron: Wobei ich natürlich nicht meine, daß ein einfaches Lehren und Lernen der altjüdischen Gesetze genügt hätte; nicht so, daß die sozialistische Lehre über» flüssig wäre, „weil es schon in unserem Schrifttum steht" oder dergleichen. So naiv sehe ich es nicht. Sondern ich meine es selbstredend nur als Einstellungsprinzip, als Mutterboden, als die Mütter, zu denen man in die Unterwelt, Urwelt hinuntersteigen muß, um das Tiefste, Urgründigste heraufzuholen. Allerdings, der Poale-Zionismus ist genetisch, der Ideenentwicklung nach, eine Reaktion auf den Bundismus und darum im Sinne des geistigen Keimes sein Kind. Der aber, ein unehelicher Sohn der Haskalah, entstand nicht aus der Tendenz der Erneuerung des jüdischen Volkes als Organismus, als Ganzen, sondern hatte im Gegenteil in zentrifugalen Strebungen seinen Ursprung: Vom jüdischen Volksorganismus Wegstrebende*) hatten ihn geschaffen. Dieser Organismus hatte aber in der Galuth keine ändere Seele als die nationale Tradition in ihrer religiösen Form. Die zwei Pfeiler dieser Tradition, die dem Juden das staatlich-nationale Eigenleben ersetzten, waren erstens der Gedanke an Palästina, die Hoffnung auf Rückkehr in dieses Land, und zweitens Hebräisch^ der Hort, in dem der geistige Schatz vieltausendjähriger Kultur aufbewahrt blieb, das Gefäß, in dem gleichsam der Erdgeruch des Heimatbodens konserviert war. Indem nun der Poale-Zionismus, gebannt durch den europäischen Sozialismus, in mißverständlicher Weise direkt oder indirekt von der Romantik der Tradition sich abgewendet, von den erwähnten zwei Unterlagen dieser Tradition, Palästina und Hebräisch, wie früher schon betrachtet, den erstem nur aus ökonomischen, also nichttradionellen Gründen, aus logischen Erwägungen, nicht aus irgendwie willens- und gefühlsmäßigen Ursprüngen heraus beibehielt, den zweiten, das Hebräische, aber ganz beiseite ließ und sich dadurch in Gegensatz zum Zionismus stellte, der, wie eingangs ausgeführt, durch seine zweite Quelle, die messianisch-mystische, sich als Hort der nationalen Tradition fundamentierte — dadurch mußte sich der Poale-Zionismus nur bei den sogenannten Europäischen, Sich-Europäisierenden, den sich von der alten Volksüberlieferung im engeren oder weiteren Sinne Trennenden unter den Ostjuden sein Ausbreitungsterrain suchen und dies muß dazu führen — fürchte ich für die Zukunft —, daß sich ohne Absicht der Führer seine Bestrebungen innerlich immer mehr entjüdischen, immer tiefer das jüdische Ziel verlieren und die jüdische Orientierung. Damit im Zusammenhange stand — als Folge, die natürlich gleich wieder Ursache für Weiteres wurde — daß der Poale-Zionismus unter seinen Begründern und Propagatoren keine mit der altjüdischen Kultur verwachsenen, vom altjüdischen Schrifttum durchgeistigten hatte, wie es z. B. Lilienblum, Smolensky, Achad Haam usw. im Zionismus waren. Darin soll wahrlich kein Herabsetzendes für die Begründer der poalezionistischen Theorien liegen; sie könnten die gebildetsten, genialsten und höchsten Menschen sein. Hier kommt es aber auf ihren nationaljüdischen geistigen Fonds an, aus welchem der Poale-Zionismus seine Grundlinien und seine Farben erhielt. Man könnte in einem gewissen Sinne einen allerdings fernen Vergleich ziehen/ wie ähnlicherweise das Christentum wohl eine andere Entwicklung genommen hätte, wenn es sich in seinen ersten Stadien statt unter den Heiden *) Es gibt ein Lied des „Bundes", worin ein dem jüdischen Volke sowie einem großen Teil der Menschheit überhaupt seit Jahrtausenden Allerheiligstes mit einem für jeden Feinfühligen überaus wehtuenden, geradezu erschreckenden Zynismus beflegelt wird, das Lied nämlich, worin es heißt: Messias ist krepiert.