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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 8 · p. 349

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Article
Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition als geistige Voraussetzungen eines Sozialismus
Date
1919-01-01
Page
349 (sequence 7)
Language
German
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Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition 349 So viel über die gesellschaftliche Wertung der Arbeit im alten Judentum. (Nebenbei gesagt: Wenn der palästinensische „Hapoel Hazair" Begriff und Forderung der Arbeit in den Mittelpunkt seines Programms und seiner Kulturanschauung stellt, so hat das, abgesehen von der Bedeutung aus der momentanen Notwendigkeit heraus, vielleicht auch mit alten Kulturidealen einen Zusammenhang.) Was weiters die Soziologen über das biblische Bodenrecht und die jüdische soziale Gesetzgebung als Ganzes, z. B. das Heimats-, Armen-, Fremden- und Schuldnerrecht im Gegensatze zum römisch-heutigen, kapitalistischen und antisozialen, sagen, ebenso über die Folgen des Fehlens jedweder Kastenscheidung, ist zu bekannt, als daß es hier wiederholt zu werden brauchte. Nun haben wir früher als das geistige Fundament des Sozialismus die ethische Weltanschauung im Gegensatze zur ästhetischen hervorgehoben und weiters als dazu gehörig erwähnt: des Sozialismus Widerstreit einerseits gegen die Grundstimmung des Feudalismus und Militarismus und andererseits gegen den extremen egoistischen oder schöngeistigen Übermensch-Individualismus, der sich der Sozialisierung entgegensetzt. Es braucht also nicht vieler Worte, damit die bezüglichen sozialistischen Elemente im altjüdischen Geiste aufgewiesen werden ... .*) Natürlich bin ich nicht so naiv, um nicht zu wissen, daß an dem allen nicht sozusagen der „reine" jüdische Geist allein Ursache war, sondern, daß da die verschiedensten Einflüsse des Milieus und der politisch-ökonomischen Geschichtsvorgänge mitgewirkt haben. Aber es ist doch wohl erstens anzunehmen, daß auch der ursprüngliche Geist des Volkes bei alldem eine Komponente gebildet hat und zweitens — wenn einer alles nur aus den äußern Einflüssen abzuleiten gestattet — hat eben das, was nationaler Geist ist, die Wirkungen der psychischen und ökonomischen Historie früherer Zeiten als ein Verarbeitetes bereits in sich.------ —----:--— —---- Und sind wir uns nun des Gegensatzes in der Bewertungsgrundlage von Arbeit und Besitz im griechisch-römischen und also auch europäischen Kulturkreise einerseits und dieser Bewertung im jüdischen Kreise anderseits bewußt worden, so ergibt sich, daß der europäische Sozialismus wohl rechtens als eine Notwendigkeit erkannt hat, alles, was im gefühlsmäßig Vererbten und Irrationalen liegend, das Alte verankert und festmacht, also das Traditionelle schlechthin zu zerstören, bei uns aber diese Notwendigkeit nicht vorhanden war. Im Gegenteil, die Energie, die auf diese Untergrabungsarbeit aufgewendet wurde, war Verschwendung, und es wäre wohl eine leichtere, erfolgreichere und fruchtbarere Einwurzelung der sozialistischen Gesinnung in die jüdischen Volksmassen möglich gewesen, wenn die ersten Verfechter dieser Gesinnung in der jüdischen Gasse es verstanden hätten, aus dem Geist der Tradition heraus die sozialistische Anschauung über die Massen Gewalt gewinnen zu lassen. *) „Im 14. Jahrhundert hat die Verbreitung einer Übersetzung der Bibel durch Wiclefs Schüler den Erfolg gehabt, daß sich unter dem englischen Landvolk die Ansicht verbreitete, die Leibeigenschaft verstoße gegen die Gesetze Gottes. Und als im deutschen Reichstage das Sozialistengesetz angenommen war und die sozialdemokratische Literatur forer Unterdrückung gewärtig sein mußte, ermahnte die Berliner sozialdemokratische .Freie Presse4 in einer ihrer letzten Nummern die Leser, fleißig in der Bibel zu lesen." (Bloch).

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