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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 8 · p. 348

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Article
Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition als geistige Voraussetzungen eines Sozialismus
Date
1919-01-01
Page
348 (sequence 6)
Language
German
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348 Abraham Schwadron: sagte er, ernährt nicht bloß, sondern adelt, heiligt den Menschen und vermittelt ' das Bündnis Gottes mit ihm. Sie ist die schönste Frömmigkeit*). Was besonders allen Arten palästinensischer Arbeiter von vornherein ein besseres Los sicherte, sie weit auszeichnete vor allen ihren anderen Genossen des Altertums, das war der allwöchentliche Ruhetag, welchen die europäische Menschheit den palästinensischen Arbeitern dankt. Es ist kein geringerer als Proudhon, welcher sagt: Unser moderner Geist hat noch keine einzige Institution erdacht und geschaffen, die an Wohltat für das arbeitende Volk dem Gesetze über den siebenten Ruhetag annähernd sich vergleichen ließe. Im fünften Buch Moses heißt es: ,Damit ausruhen soll der Arbeiter, die Arbeiterin; denn gedenke, ein Sklave bist du gewesen in Ägypten*. Das palästinensische Sabbath-Gesetz ist die gesetzliche Regulierung der Arbeitsdauer von Staatswegen. Griechen und Römer konnten diesen Ruhetag der Palästinenser schwer begreifen. Diese Institution war ein radikaler Gegensatz zu ihrer gesamten Weltanschauung. Dichter und Schriftsteller, wie Plutarch, Tacitus, Juvenal u. a. haben über ihn gelacht, konnten es nicht fassen, daß die Palästinenser ihren Arbeitern jeden siebenten Tag schenkten, und so die Privatrechte der Arbeitgeber verkürzten; sie nannten sie darum Müßiggänger. Auf den römischen Volkstheatern pflegten Stücke aufgeführt zu werden, in welchen die Palästinenser und ihr Ruhetag karikiert wurden. Auch in einer anderen Beziehung bildeten diese palästinensischen Arbeiter eine eigenartige Erscheinung in der Kulturgeschichte. Gewöhnliche Arbeiter, welche tagsüber die schwersten Lasten getragen, Hammer oder Hacke geschwungen, an dem Webstuhl oder an dem Mühlstein gesessen hatten, kamen dann in die Akademie, um das Katheder zu besteigen. Oft genug wurde ein Arbeiter zum Rektor und Leiter der Akademie berufen. Standesunterschiede existierten da nicht. Der Priesteradel, welcher eine Zeit lang auch die weltliche Macht an sich gerissen, tat allerdings sehr stolz auf seine reine Abstammung; allein in der wissenschaftlichen Akademie und in dem gesellschaftlichen Leben galt der bezeichnende Grundsatz: ,Einem Bastard, welcher unterrichtet ist, gebührt der Vorrang und Vortritt vor dem Hohenpriester, wenn dieser unwissend ist*. Bei einer öffentlichen Gelegenheit — so wird erzählt — trafen der Senats-Präsident, ein damals noch junger Gelehrter, und ein Brunnengräber, ein Mann mit grauem Barte, zusammen und jener ging voraus und grüßte diesen nicht. , Warum gehst denn du voran?4 fragte der Arbeiter. ,Ich bin der Senatspräsident!' ,Und ich bin ein Arbeiter', replizierte der andere, ,und für das Gemeinwohl ist der Arbeiterstand wohl wichtiger und notwendiger als der Richter- und Beamtenstand.* *) Allerdings bleibt diese Wertung der Arbeit auf die menschlich-gesellschaftliche Gegebenhext beschränkt und auf die Relativität der Weltordnung, in der wir nun einmal leben. Vom kosmisch-absoluten Standpunkt der gedachten reinen Möglichkeit aber und von der Unbeschränktheit der menschlichen Sehnsucht aus wurde das „Im Schweiße deines Angesichtes wirst du Brot essen" dem Adam als Fluch nachgeschleudert, da er aus dem Paradiese vertrieben ward. Von dieser Ungebundenheit des menschlichen Wunsches nach dem menschlich Unmöglichen ist u. a. auch der folgende talmudische Ausspruch ausgegangen: „Wir haben noch nie einen Hirsch als Obstdarrer gesehen, nie einen j^öwen als Lastträger und einen Fuchs als Krämer — und Gott speist sie doch ohne Mühsal". Ein Ausspruch, der an den bekannten Hinweis im Evangelium Lukas erinnert: „Nehmet wahr der Raben; die säen nicht, sie ernten nicht, sie haben auch keinen Keller noch Scheune und Gott nähret sie doch." Vergleiche meinen Aufsatz: „AI Hatechniuth" in „Gewuloth" Adar 5679.

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