Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition als geistige Voraussetzungen eines Sozialismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 346 (sequence 4)
- Language
- German
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346 Abraham Schwadron: seiner Klasse einen Prestigegrad — ein irrationalistisches Imponderabile — verleiht, der, direkt und überall fühlbar, wuchtiger und drückender empfunden wird als der Besitzwert an sich. Dieser Prestigegrad findet von der andern Seite in dem Geringgeschätztwerden des Arbeiters, der Proletarierklasse als „niederer Klasse" (wie der schöne Ausdruck lautet) das negative Gegenstück und Äquivalent. Für mich ist der Nimbus des Reisenden der i. Klasse, sein überhöfliches Gegrüßtwerden, unsozialer als seine Bequemlichkeit; für mich würde der Kapitalismus auch in einem sozialistischen Zeitalter in voller Macht und Sündhaftigkeit wesentlich bleiben, solange der „gutsitzende Frack" ein Ansehen verleiht, solange man sich ohne Kragen nicht zu einer öffentlichen Beratung etwa oder einer Tafel setzen darf, solange man, kräftig und gesund, sich im Kaffeehaus vom Kellner beim Fortgehen den Hut mit einer Verbeugung reichen läßt und solange der jeweilig Leistende (der meist bezeichnenderweise der Bedienende heißt) dem Zahlenden zu danken pflegt und nicht umgekehrt. Nun, hinsichtlich dieses Stimmungswertes des Besitzes und seines Gegenstückes, des Unansehens der Arbeit, wo der Begriff des Feinen, Vornehmen, Adeligen mit dem des Nichtarbeitens, des Müßigganges, verbunden war, stand Europa, wie in allen Kulturwertungen, auf dem Boden der griechisch-römischen Überlieferung. Welch niedrige und schmachvolle Stellung der Arbeiter-Sklave bei den Griechen und Römern inne hatte, welchen Quälereien und Grausamkeiten er ungesühnt ausgesetzt war, ist bekannt. Kein Recht und Gesetz schützte sein Wohl und Leben, für seine Tötung gab es keine Strafe, während auf die Tötung eines Pflugochsen nach dem älteren römischen Recht die Todesstrafe stand*). In den Bergwerken arbeiteten Tausende Sklaven an Ketten geschmiedet. Fürchtete der Römer die Zeugenaussage seiner Sklaven, so ließ er ihnen, nach dem Bericht Ciceros, die Zunge ausschneiden. Mißfiel dem Herrn ein Sklave, wollte er den kranken oder altersschwachen nicht füttern, so warf er ihn im Amphitheater den Bestien hin oder setzte ihn auf die Tiberinsel zum Verhungern aus. Der große Plato billigt das und der durch seinen starren Rechtsfanatismus berühmte Cato hat wohl in seiner grausamen Behandlung der Sklaven einen Ruhm gesehen. Das ist eben das Wesentliche daran: diese Unmenschlichkeiten gehörten zur antiken Gerechtigkeitsidee! Als in Lakedämonien zweihundert Sklaven entbehrlich wurden, da schlachtete man sie, nach dem Bericht des Thukydides, einfach ab — in einer ruhigen, friedlichen Zeit. Sklavenjagd war ein Lieblingssport der Römer, selbst des Kaisers Titus, des Gütigen. — Von den Griechen und Römern hat Europa das Sklaventum und die Art seiner Behandlung übernommen, und noch im amerikanischen Unionskriege haben die Verteidiger der Sklaverei sich auf die Autorität Piatons und Aristoteles', Augustinus und Thomas' von Aquino berufen, welche die Sklaverei im System der göttlichen Gerechtigkeit begründet fanden. Auch bei den alten Germanen galt die Tötung eines Sklaven nicht als Mord. Wie aber war es bei den Juden? Manche sind der Ansicht, daß es bei den alten Juden keinen Sklaven gab, nur einen „Ewed", einen freien Arbeiter. Allenfalls fehlten dort die wesent- *) Ich halte mich da an die Schrift Dr. J. S. Blochs „Aus der Vergangenheit für die Gegenwart", woher auch die meisten der folgenden Zitate stammen; einige sind Dr. Heinrich Contzens „Geschichte der sozialen Frage" entnommen.