Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition als geistige Voraussetzungen eines Sozialismus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 345 (sequence 3)
- Language
- German
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Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition 345 erstand, gegen den Instinkt des nationalen Organismus. Die kleinen Völker sollen verschwinden, sagt Marx; die Völker Österreich-Ungarns müssen den Magyaren und Deutschen dankbar dafür sein, daß sie durch die Gewaltassimilation der europäischen Kultur zugeführt werden.----— — — — Nach dieser Voraussetzung können wir zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung zurückkehren und führen uns nochmals kurz vor Augen, daß der Poale-Zionismus sich in seinen Grundprinzipien nicht an der Volkstradition zu orientieren sucht, daß Palästina ihm letzten Grundes nur ein Zweckmäßiges ist und daß bezüglich Hebräisch, welches ihm nicht zweckmäßig erscheint, er sich eben nur von der Ratio des Seienden, der Tatsächlichkeit des Jiddischen, und nicht vom Sentiment leiten läßt. Der Poale-Zionismus ist also seinem Ursprünge und seiner konstitutiven Theorie nach eine reine Übertragung des europäischen Sozialismus auf unsere spezifischen Zustände — und das trägt schon von der Fundamentierung aus einen Konstruktionsfehler in sich. Nämlich in unserem Speziellen, im Kulturtraditionellen, besteht dieser Fehler in der Nichtberücksichtigung der Tatsache, daß nicht nur die gegenwärtige äußere ökonomisch-soziale Struktur, ein Produkt der Geschichte der letzten wenigen Jahrhunderte unseres Volkskörpers, anders ist als die gewöhnlich typische — was ja die Poale-Zion anerkennen und was sie ja von den Bundisten-Autonomisten unterscheidet — sondern daß auch die innere, seelischgeistige Struktur unseres Volkes, daß seine Kultur- und Weltanschauungstraditionen, als das Produkt von vielen tausenden Geschichtsjähren und vielleicht auch von urtümlichen Rassengegebenheiten, anders sind als die der Völker, die gewöhnlich zum Vergleiche mit uns herangezogen werden. Ein Fehler, wie ihn die bürgerlichen Zionisten mutatis mutandis begingen, als sie den jüdischen Nationalismus in den äußeren Symbolen der anderen Nationalismen begrenzt wissen wollten und hierbei ebenso wie manche Führer der Haskalah vergessen haben, daß bei den Völkern Europas „Kultur" schlechthin fast keine anderen Fundamente hat als Griechen- und Römertum, wir aber selber für die Kultur eine Quelle sind, eine Quelle, die zumindest ebensosehr die Weltentwicklung bestimmte, wie die der erwähnten zwei Völker. — Wobei ich hier gar nicht von einem Wert unseres Kulturfaktors spreche: es könnte einer die Verjudung der Welt und damit zum Teil den Sozialismus als ein Unglück ansehen, aber er müßte gleichzeitig die ungeheure Quote, Qualität und Quantität, sowie die ungeheure Macht und Wirkung dieser Einwirkung-Verjudung zugeben. Für unsere Betrachtung, also mit Hinblick auf die soziale Tradition, zeigt sich jener Fehler im Folgenden. Wohl ist bei der bisherigen Gesellschaftsordnung das Kapital, der Besitz, das Entscheidende im Geschichts- und Volksleben, aber darunter darf natür- Kch nicht nur der reine Zahlen-, Markt- und Tauschwert des Besitzes verstanden werden, sondern in einem grundlegenden Maße auch der Prestigewert, Achtungswert, der gesellschaftliche Geltungswert im breitesten Sinne. Der einzelne Kapitalist herrscht und drückt der Gesellschaft den Stempel seiner Art nicht nur deswegen auf, weil er dieses und jenes Machtmittel besitzt oder sich verschaffen kann, sondern auch wesentlich weil das Bewußtsein dieser Möglichkeit