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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 8 · p. 344

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Article
Die allgemein europäische und die jüdische Kulturtradition als geistige Voraussetzungen eines Sozialismus
Date
1919-01-01
Page
344 (sequence 2)
Language
German
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344 Abraham Schwadron: Sozialismus zu der Sphäre des Traditionellen zeigt sich beispielsweise auch in der volksversammlungsmäßigen Wendung, der Klerikalismus, der Feudalismus und der Militarismus seien mit dem Kapitalismus zur Unterdrückung und Ausbeutung des Proletariats verbunden und förderten sich gegenseitig in ihrer Macht und in deren Mißbrauch. Was nichts anderes aussagt, als daß die Mächte, deren innerste Geltung auf dem Geiste des Überlieferten beruht, sich gegenseitig stützen. Denn auch die Macht und das massenzähmende Prestige des Feudalismus, wie der Geburtsaristrokratie überhaupt, ist, abgesehen von der direkten Besitzgewalt, indirekt auf der außerlogischen Tradition begründet, auf dem seelischen Sediment vieler Generationen, die diesen adeligen Kasten hörig, leibeigen waren. Also auch da war es von jeher für den Sozialismus notwendig, gegen die psychischen Imponderabilien, das Herkömmlich-Gewordene, durch Verstand und Einsicht anzukämpfen. Besonders bei den jüdisch-assimilatorischen Sozialisten der verschiedensten Kategorien ging das innere Streben dahin, jedes Moment zu verstärken,, das geeignet ist, ererbte Gefühle zu entwurzeln; jedes, das den nationalen Urcharakter, den eigenen sowohl als auch den der anderen Völker, abstumpft und also die mechanisch-automatische Assimilation und Absorption der Juden ermöglicht und fördert Ist doch der Sozialismus dieser Assimilanten überhaupt zu einem guten Teil, dem oft unbewußten Anstoße nach, als Reaktion gegen den Antisemitismus geboren: sie hofften, durch den Sturz der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auch die Fessel der Judenfeindschaft zu sprengen, ähnlich wie ihre Vorgänger, die Liberal-Bürgerlichen, gleiche Tendenzen mit dem Sturze des Feudalismus in den Bewegungen vor und nach dem Jahre 1848 verbanden. Zur Beziehung des Sozialismus — ich spreche da immer vom allgemein geltenden und nicht von einem geistigen, wie etwa dem Gustav Landauers — zum Außer verstandesmäßigen ist von einer anderen Seite folgendes zu bemerken. Die feudale Weltanschauung, richtiger feudale Weltstimmung, die wieder u. a. mit der Machtwertung seitens des Militarismus einen Zusammenhang hat, ist überhaupt auf dem Irrationalen und Traditionell-Gefühlsmäßigen beruhend, nicht zufällig immer mit der ästhetischen Weltwertung in enger Verbindung gestanden. Wie ja auch jede Machtverehrung einer ästhetischen Wurzel entspringt. Demgegenüber wird der Sozialismus, insofern er auf der Ratio beruht und auf einem Zurückdrängen der Ungebundenheit des Individuums gegenüber der arbeitenden Gesellschaft, bekanntlich von vielen, deren Lebensgefühl von einer ästhetischen Einstellung beherrscht wird und denen nur die Höchstentwicklung der Individualität das Höchstziel der Menschheitsentwicklung bedeutet, als ein die ästhetische Kulturentwicklung Hemmendes empfunden und gefürchtet. Jede ästhetische Lebenswertung kommt direkt oder indirekt auf die Forderung des Übermenschen heraus, die das gleiche Recht für alle als ein Produkt der Sklavenmoral und der Mentalität der Unschönen ansieht, wogegen jede demokratische Gesellschaftsordnung eine ethische Grundlage haben muß. Auch das Nationale ist als Ablagerung von vieltausendjährigem Gesellschaftsleben letzter Wurzel ein Sentimentsmäßiges und kein Rationales. Demgemäß wandte sich bekanntlich der Sozialismus, wie er in der Marxschen Schule

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