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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 8 · p. 341

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Article
Chronik
Date
1919-01-01
Page
341 (sequence 5)
Language
German
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Chronik 341 ausübung, die arabische Gegnerschaft unterdrücken? Es gibt vielleicht zionistische Politiker, diplomatisch denkende Politiker, die es glauben. Sie werden sich täuschen. Man kann für die Dauer die übergroße Majorität eines Landes nicht unterdrücken; man kann es heute nicht mehr. Und England kann es gegenwärtig weniger denn je. Man denke an Ägypten, an Indien. Glaubt man wirklich, England sei aus dem Weltkrieg gefestigter hervorgegangen? Mächtiger wohl, im Sinne bisheriger weltpolitischer Macht, die aber doch im letzten Grunde eine ephemere Macht ist, gestützt auf Autorität und Nimbus und Angst und Respekt. Die Zeit solchen Machtbesitzes neigt sich ihrem Ende zu. Wenn es irgend ein Moment gibt, das unserer Zeit Größe verleiht, so ist es dies, daß immer mehr an die Stelle der ephemeren, illusionären, traditionalen Machtfaktoren reale treten; die wahrhaften Wirklichkeiten der Welt, die realen Gegebenheiten des Lebens treten in ihre Rechte. Die Völker erwachen; die Klassen erwachen; die Individuen erwachen. Man beugt sich nicht mehr vor dem, der bisher auf Grund allgemeiner Anerkennung als der Mächtigere galt. Man kämpft und erprobt seine realen Kräfte. Keine Autorität gilt und kein Nimbus. Der Grundsatz, daß niemand mehr Macht haben soll, als er verdient und wahrhaft ausüben kann, niemand mehr besitzen soll, als er zu gebrauchen vermag, setzt sich immer mehr durch. Hier in erster Reihe liegt die Ursache für den Bankrott der Diplomatie in der bisherigen Form, den alle Einsichtigen für definitiv ansehen. Sie operierte mit illusionären Mächten; mit Autorität und Nimbus, mit Alter und Tradition. Die neue Zeit stellt alles in Frage. Nachdem sie es mit allen geistigen Mächten der heutigen Welt getan, den alten Gott entthront und die traditionale Moral zersetzt hat, tut sie es heute mit den Mächten der wirtschaftlichen und politischen Welt. Und jede Politik, die dies nicht weiß, die noch immer mit den alten Mächten kalkuliert, wird bankrottieren müssen. Erscheint dies als Abschweifung? Es ist das Wesentlichste, Unmittelbarste, Realpolitischste, was heute zur Palästinafrage und Palästinapolitik des Zionismus zu sagen ist. Unsere Politik ist zu einem großen Teil Diplomatie. In einem gefährlichen Maße geht sie an den wirklichen Realitäten vorbei. Ich habe gezeigt, wie sie dies an der bedeutsamsten inneren Realität unserer Lage tut: der jüdischen Volkspsyche. Das Gleiche gilt für ihre Haltung zur stärksten äußeren Realität der Palästinafrage: wir sind bisher an der Araberfrage vorbeigegangen. Wir taten es schon vor dem Kriege. Wir verhandelten in Konstantinopel; wir liefen auf alle fremden Botschaften; wir antichambrierten bei diesem Minister und jenem Würdenträger. Wer kümmerte sich um die arabische Bevölkerung in Palästina, um dieses realste, bodenständigste, bei aller weltpolitischen Bedeutungslosigkeit doch in Wahrheit mächtigste Element? Keiner von unseren Führern beachtete es; auch die Kolonisten in Palästina taten es nicht; ja, selbst die jüdischen Arbeiter in Palästina, sie, die doch durch Mentalität und Gesinnung das meiste Verständnis hätten haben müssen, standen, von der Parole der jüdischen Arbeit beherrscht, verständnislos der Frage gegenüber. Es kam der Krieg. Wir verhandelten in allen diplomatischen Kanzleien. Wir bemühten uns um Besprechungen mit der türkischen Regierung; wir traten in Verbindung mit den verschiedensten politischen Parteien und mit der Presse der einzelnen Länder; es gab keinen Faktor, den wir nicht berücksichtigten. Nur einen übersahen wir, den wichtigsten, den realsten: die Araber. Und selbst in der letzten Phase unserer Palästinapolitik, die durch die Balfoursche Er-

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