Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Chronik
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 342 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101158-3104667--3457-3104688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
342 Nachum Goldmann: Chronik klärung eingeleitet wurde, gingen wir an dem Araberproblem vorbei: denn das merkwürdige Intermezzo unserer Verhandlungen mit dem Emir Faisul wird man doch nicht im Ernst als ernsthafte Behandlung des Araberproblems bezeichnen können, heute gewiß nicht mehr. Im Gegenteil: gerade dieses Intermezzo zeigt, wie sehr von der diplomatischen Mentalität bereits verdorben (möchte ich fast sagen) unsere Führer sind; die auch hier, statt die realen Gegebenheiten selbst zu beachten, mit einem willkürlichen Exponenten sich auseinandersetzten, in der Annahme, die Sympathie oder Antipathie des Emir sei von bleibender Bedeutung für die Haltung der Araber uns gegenüber. Hier — in der Araberfrage — versagt alle Diplomatie, wie sie überall schließlich versagt, wo es sich um wahrhafte Realitäten handelt, um die Regelung der Beziehungen zwischen den Völkern selbst. Alle Diplomatie schafft hier nur Surrogate von Regelungen, ephemere Lösungen, die früher oder später als ephemer erkannt werden, worauf man durch reale Methoden sie zu ändern sucht. Man tat es bisher durch Kriege. Sie waren im alten System die notwendigen Begleiterscheinungen der Diplomatie, ihre fast unvermeidlichen Korrekturen. Sie waren der Protest der Realität gegenüber der illusionären Weltgestaltung der Diplomatie. Erst wenn die Fragen des Zusammenlebens der Völker nicht mehr durch diplomatische Methoden verzerrt und entstellt, sondern durch offene, ehrliche Auseinandersetzungen und nachbarliche Vereinbarungen von Volk zu Volk geregelt sein werden, werden Kriege unnötig sein, weil die wirklichen Gegebenheiten des Lebens von selbst, positiv und legitim, zu ihrem Rechte kommen werden. Gilt dies schlechthin für alle Völker, so gilt es ganz besonders für den Orient, der noch nicht durch die europäische Diplomatie verseucht worden ist, dessen Völker noch natürlich und real denken. Die arabische Frage ist nur undiplomatisch zu lösen. Indem wir in unmittelbare Beziehung zur arabischen Bevölkerung treten; indem wir sie darüber aufklären, daß ihr Wohl mit dem unseren vereinbar ist; daß die Förderung der jüdischen Kolonisation die Hebung auch ihrer ökonomischen und kulturellen Lage bedingen muß; daß sowohl für sie wie für uns genügend Raum im Lande und den angrenzenden Gebieten ist; daß die Großgrundbesitzer, die die Führer der antizionistischen Widerstände unter den Arabern sind, ebensosehr Feinde der arabischen Fellachen wie die unseren sind, die nicht aus arabischem Nationalgefühl, sondern aus Eigennutz und Furcht für den Profit sich gegen jüdische Kolonisation sträuben. Auf diese Weise, durch unmittelbare Aussprache mit der arabischen Bevölkerung selbst, durch ihre Aufklärung, durch eine menschliche, anständige kluge Art ihrer Behandlung ist die arabische Frage zu regeln. Solange wir nicht begonnen haben werden, solche Politik in der Araberfrage zu führen — es ist dies in Wahrheit schon keine Politik im europäisch üblichen Sinne mehr —, d. h. den großzügigen Versuch zu machen, über alle Agenten, Klubs, Cliquen, Journalisten, Emire und Emissäre hinweg von Volk zu Volk, von Kolonie zu Dorf, von Gruppe zu Gruppe uns mit den Arabern auszusprechen, die Grundlagen für unser Zusammenleben im Lande zu finden und Bande freundnachbarlicher Eintracht um uns zu knüpfen, so lange bleibt die Araberfrage der dunkle Punkt in der Palästinafrage, und diese selbst bleibt ungeklärt. Man werde sich doch endlich darüber klar, daß Lord Balfour und Curzon und Milner uns nicht Palästina „geben" können, wenn die Araber im Lande unsere Gegner sind; daß wichtiger als alle diplomatischen Zusicherungen