Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Chronik
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 338 (sequence 2)
- Language
- German
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338 Nachum Goldmann: tung hätte diese Macht — die Verhältnisse nach ihrem Willen zu gestalten. Die langsame Arbeit der Pariser Konferenz — das beginnende Anzeichen ihres weltpolitischen Bankrotts —, die fürchtbare Zerrüttung aller wirtschaftlichen und politischen Zustände zu ändern, liegt nicht im Bereich der Wirkungsmöglichkeit der zionistischen Leitung. Aber warum brachte man dann erst die große jüdische Masse in die Stimmung einer überschwenglichen Erwartung der sofortigen Erfüllung, wenn man das unsäglich langsame Tempo des Ganzen voraussehen konnte — und man konnte es voraussehen. Und wenn man schon den einen Fehler begangen hat, warum sucht man ihn nicht wieder zu korrigieren, soweit es angeht? Indem man offen und ehrlich zu dem Volke spricht; ihm sagt, daß die jüdische Heimstätte in Palästina keine Realität von morgen und übermorgen ist, es vielmehr langer Jahre und Jahrzehnte bedürfen wird, bis sie Wirklichkeit geworden, ihm sagt, daß es nicht nur an der noch nicht erfolgten Ratifizierung des Friedens, auch nicht an den Schiffsverhältnissen liegt, wenn noch keine Massen des Volkes nach Palästina wandern können; kurzum: indem man dem jüdischen Volke sagt, daß für seine unmittelbare Not Palästina keine Rettung bildet und es versuchen muß, für den Augenblick andere Rettungsmittel zu finden. Weiß man denn nicht, daß noch immer die Masse des Volkes wie fasziniert gen Palästina blickt? Daß es auf jede neue Kunde von einem Pogrom, auf jede neue Nachricht von einem nationalen Unglück innerlich mit dem Gedanken Palästina antwortet? Und begreift man nicht, daß es für das Volk, für Palästina und für die Sache des Zionismus nichts Gefährlicheres gibt als diese Einstellung, die, wenn sie nicht noch rechtzeitig, positiv und organisch beseitigt wird, mit einer seelischen Katastrophe enden muß? Ein Volk, ungewohnt der nationalen Weltpolitik, das noch nicht gelernt hat, in politischen Dingen die gleiche nüchterne Zähigkeit mit der heiligen Ideengläubigkeit zu verbinden, wie es dies in seinen religiösen und geistigen Angelegenheiten seit Jahrtausenden übt, ein Volk, das, in den Grundlagen seiner Existenz erschüttert, von Pogromen und wirtschaftlicher Erdrosselung furchtbarer heimgesucht ist als jemals zuvor, wird — ob gewollt oder ungewollt, tut nichts zur Sache — von seinen Führern mit der Hoffnung einer baldigen Erlösung genährt; es fiebert vor erregter Erwartung; es verbeißt sich in die Sicherheit der Errettung; je größer sein Leid wird, um so exaltierter seine Hoffnung; und dieses Volk erwacht dann plötzlich aus seiner Gläubigkeit und 'Traumseligkeit; ja, ahnt denn niemand die notwendigen Wirkungen eines solchen Erwachens, sind unsere Politiker schon durch Diplomatie und mechanische Politisiererei so verdorben, so schon allen Blickes für die wichtigste und unmittelbarste aller Realitäten, für die Volksspsyche, bar, daß sie die Gefahren der gegenwärtigen Situation nicht mehr gewahren können? Hat uns das Hantieren mit den sogenannten weltpolitischen Ideen, mit Vorderasien und dem Suezkanal und dem französischen Syrien und dem arabischen Hedschas usw. schon so weit gebracht, daß uns das Organ für die fundamentalste Gegebenheit, für die entscheidende Basis all unserer „Politik", für die Seele des jüdischen Volkes, abhanden gekommen ist? Fast miß man es annehmen, überblickt man die Haltung der zionistischen Zentrale, Und wenn dem so ist, dann muß man die Herren in London mit allem Nachdruck daiauf aufmerksam machen, daß es neben all den wichtigen Objekten, die bislang scheinbar ausschließlich ihr Interesse beansprucht haben, neben den englischen Lords und französischen Parlamentariern,