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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 8 · p. 337

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Article
Chronik
Date
1919-01-01
Page
337 (sequence 1)
Language
German
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CHRONIK Wie steht es um Palästina? Die Frage bewegt nicht nur die Herzen sehr vieler einzelner Juden in allen Ländern; sie lastet vielmehr mit einer quälenden Geheimnisschwere auf der gesamten jüdischen Öffentlichkeit. Man sollte meinen, es bestünde kein Grund zu dieser Frage. Wissen wir nicht bestimmt und genau aus feierlichen Erklärungen der englischen Regierung und der Pariser Konferenz, daß Palästina dem Völkerbund unterstellt und von England als Mandatarmacht verwaltet werden wird, mit der Verpflichtung, es zu einer jüdischen Heimstätte zu gestalten? Wir wissen all dies; und die jüdischen Massen des Ostens wissen es auch. Und dennoch lastet die Frage, und eine quälende Unruhe peinigt die jüdische, peinigt ganz besonders die zionistische Öffentlichkeit. Daß es so ist, daran die Schuld trägt — es ist hohe Zeit, es offen auszusprechen — die Pressepolitik der Londoner Zentrale der Zionistischen Organisation. Es scheint, als ob die Distanz von den jüdischen Massen des Ostens, in der sich die Leitung in London befindet, ihr das Verständnis für die Psyche des Volkes und die Art ihrer Behandlung genommen habe. Als die ersten Versprechungen der englischen Regierung erfolgten, gab man Jubelnachrichten aus. Man erzeugte und unterhielt eine geradezu exaltierte Freudenstimmung und vergaß, daß man dazu nur berechtigt war, wenn die volle Einlösung der Versprechungen unmittelbar nachgefolgt wäre. Da dies nicht geschah, nicht geschehen konnte — auch beim besten Willen der englischen Regierung nicht geschehen konnte —, war die Enttäuschung unausbleiblich. Völker und Massen sind psychisch primitive Wesen. Sie kennen nur große elementare Gefühle und Erlebnisse: Jubel oder Schmerz, Ekstase oder Enttäuschung, Begeisterung oder Wut. Führer des jüdischen Volkes, nationale Führer, hätten zudem noch wissen müssen, daß unser Volk besonders leicht zu solchen Gefühlsexaltationen in politischen Dingen neigt, weil es politisch unreif und unerfahren ist. Man denke an die Hoffnungen, die die Massen des Ostens noch an das Auftreten Herzls knüpften: der Judenstaat erschien ihnen als eine Sache von morgen. Man hätte ^rner in Erwägung ziehen müssen, daß das östliche Judentum gegenwärtig in einem Stadium der furchtbarsten Zerrüttung und Existenzbedrohung sich befindet, sehr nahe an völliger Verzweiflung und so zu Überspannungen des Gefühls ganz besonders disponiert. Die Seele eines solchen Volkes verlangt eine kluge, schonende Behandlung. Statt dessen erhitzte man sie zur rauschenden Begeisterung, u*n dann — ja um sie dann sich selbst zu überlassen. Seit Monaten hüllt sjch die zionistische Leitung in London in Schweigen. Ab und zu erläßt sie ein Rundschreiben, in dem sie zur Geduld und zum Abwarten mahnt und davor warnt, schon jetzt nach Palästina auszuwandern; und im übrigen, zu apen großen und wesentlichen Dingen, schweigt sie. Ich verstehe, daß sie zu Beiern schweigen muß. Ich verstehe, daß sie nicht die Macht hat—keine Let- HeftS 22

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