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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 334

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Aus den Zeiten der deutschen Okkupation in Kongresspolen [Rezension]
Date
1919-01-01
Page
334 (sequence 2)
Language
German
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334 Bücherschau Orientierung fehlen und richteten sich in der Judenfrage nach dem jeweiligen Stand der polnisch-deutschen Beziehungen. Der Geheime Regierungsrat Cleinow, der, eine Autorität auf dem Gebiete der Polenpolitik, von Ende Dezember 1914 an als Leiter der Presseverwaltung die Politik der Okkupationsbehörden bestimmend beeinflußte, meinte anfangs, daß man „die Lage der Juden durch Sorge für gerechte Behandlung bessern, im übrigen aber die Judenfrage grundsätzlich als innerpolitische polnische Angelegenheit betrachten und ihre spätere Lösung den Polen überlassen" müßte. Unter dem Eindruck der nationalen Bewegung innerhalb des jüdischen Lagers kam Cleinow zu einer Milderung seiner Auffassung, d. h. zu einem gewissen Entgegenkommen, wie dies sich z. B. in der Gründung des „Lodzer Volksblattes", eines radikal-nationalistischen Blattes in jiddischer Sprache zeigte. Die Anfänge der nationalistischen Organisationsbestrebungen unter den Juden vollzogen sich unter Förderung der deutschen Behörden. Der Einfluß der Assimilation sank, die zionistischen Bestrebungen fingen an, sich zu konsolidieren, während die orthodoxen Massen in politischer Apathie verharrten. Nach der Errichtung des Generalgouvernements Warschau (24. August 1915) schien es einen Augenblick, daß die jüdischen Parteien große politische Bewegungsfreiheit erlangt hätten. Aber schon die am 17. September veröffentlichte Schulverordnung, die als Unterrichtssprache für die polnischen Schulen Polnisch, für die deutschen und jüdischen Deutsch vorschrieb, zeigte, daß die deutsche Verwaltung sich die Lösung des jüdischen Problems gar zu naiv vorstellte. Die Folge war eine geschlossen ablehnende Haltung der maßgebendsten Parteien; die Ersetzung der Polonisierung durch Germanisierung erschien den Juden als ein wenig begehrenswertes Ziel. Die Verordnung trat nicht in Wirksamkeit, sie blieb zwar auf dem Papier bestehen, aber die deutschen Behörden mußten sich zu dem Zugeständnis bequemen, daß das Jiddische ein deutscher Dialekt sei, damit die Kinder auch weiter in der „Muttersprache" unterwiesen werden konnten. Erst am 13. Oktober 1916, also ein Jahr später, hob ein Erlaß Beselers die entscheidende Bestimmung der Verordnung gänzlich auf. Durch den für den jüdischen Nationalismus siegreichen Ausgang der Kämpfe um die Schule hatte die Forderung der nationalen Schule eine starke Stütze gefunden. Die Betonung der nationalen Erziehung hatte den Zionisten viele Anhänger geschaffen. Auch andere Momente, wie die weitverzweigte Hilfstätigkeit, die von den Zionisten mit den von anderen Ländern einströmenden Geldmitteln entfaltet wurde, die Einbeziehung Palästinas in das Kriegsgebiet, die ersten Nachrichten über die Gründung einer „jüdischen Legion" im englisch-ägyptischen Heere, die Debatte über den amerikanischen jüdischen Kongreß usw., stärkten die Reihen der Zionisten. Ihre Tätigkeit stieß eigentlich nur von Seiten der neuen orthodoxen Partei, deren Zentralorganisation die „Agudas Haortodoxim" bildete, auf einen ernstlichen Widerstand. Diese von der deutschen Trennungsortodoxie, als deren Repräsentanten in Polen Dr. Emanuel Carlebach aus Köln und Dr. Pinchas Kohn aus Ansbach auftauchten, eingeleitete Judenpolitik mußte von vornherein wegen „germanisatorischer Tendenzen" diskreditiert sein. Sie bezweckte, die Orthodoxie als Damm gegen den Nationalismus aufzurichten und darzutun, die Juden bildeten keine nationale, sondern eine religiöse Gemeinschaft," sie forderte von den Polen lediglich Religionsfreiheit und Gleichberechtigung. Dieser aus Deutschland importierte Volksverrat ging so weit, daß die beiden streitbaren Rabbiner im Kampfe gegen den jüdischen Nationalismus die Bundesgenossenschaft der Polen suchten und das Jiddische, das notwendigerweise zunächst beibehalten werden mußte, in nicht zu langer Zeit durch das Polnische zu ersetzen hofften. Mit anderen Worten, sie unterschieden sich von den Assimilatoren nur durch die stärkere Unterstreichung des religiösen Momentes, waren im übrigen so antinational wie diese. Die deutschen Behörden, beraten von Herrn von Mutiüs und dem völlig inkompetenten Herrn Dr. Ludwig Haas, förderten diese politische Spottgeburt, ohne einzusehen, daß ein derartiges Kunstprodukt, das durch seine deutsche Herkunft und durch die absolute Unkenntnis der jüdischen Verhältnisse auf Seiten seiner Schöpfer kompromittierend wirken mußte, nicht lebensfähig sein konnte. In dem Kampfe, der fast von allen jüdischen Seiten gegen die Aguda geführt wurde, behauptete sich der Nationalismus siegreich, wenngleich die Orthodoxen ihre Kräfte zu verdoppeln suchten, um neue Anhänger zu gewinnen. Wie sehr der Anhang der Nationalisten und Zionisten gewachsen war, zeigte der Ausgang der Wahlen zum Warschauer Stadtparlament und die damit verbundene Gründung der Volkspartei (Volkisten). Die deutsche Verwaltung stand immer mehr vor einer für sie unlösbaren Aufgabe. Von dem Bestreben geleitet, im Interesse des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Polen und Deutschen die polnische Judenfrage als inner-

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