Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus den Zeiten der deutschen Okkupation in Kongresspolen [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 335 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101157-3104602--3446-3104660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bücherschau 335 politisches Problem, dessen Lösung dem künftigen Staatswesen zufallen müßte, zu betrachten, geriet sie immer mehr auf die abschüssige Bahn, die ihr die Herren Kohn und Carlebach, aber nicht minder Dr. Haas, wiesen, nämlich unter dem Deckmantel orthodox-religiöser Ideen mit Hilfe der chassidischenRebbes die Massen entnationalisieren zu wollen. Die von Dr. Haas entworfene „Verordnung, die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau betreffend" atmete ganz diesen Geist. Dieser Eingriff zuungunsten des jüdischen Nationalismus erwies sich nicht als überflüssig, sondern auch als sehr schädlich für die deutsche Verwaltung. Trotz alledem ward der Zeitraum 1916 bis 1918 die Blütezeit und der Höhepunkt des jüdischen Ringens um die Anerkennung des jüdischen Volkstums in Polen. Wohl war die Neigung der Polen zur Verständigung mit den Juden nur in der Theorie vorhanden, an ihrer faktischen Feindschaft änderte auch die devoteste Haltung der Assimilatoren nichts. Ihre Intoleranz blieb auch gegenüber den durch die Befreiung der russischen Judenheit nach dem Ausbruch der Revolution, durch die von England geweckten Hoffnungen auf die Errichtung des palästinensischen Gemeinwesens sowie durch andere Momente bestärkten Wünschen, namentlich auf Seiten der Nationalisten unentwegt bestehen. Die Deutschen, die sich, soweit dies überhaupt geschah, immer mehr in verständnisloserWeise in das jüdische Problem einmengten, erlebten mit dieser Politik ein völliges Fiasko. Von all den tönenden Versprechungen ihrer Judenordnung, die angeblich dem unterdrückten Volke den Weg zur Freiheit bahnen sollte, war nichts geblieben als eine tiefe Erbitterung gegen die Okkupanten. „Das polnische Judentum fühlte sich — abgesehen von den Verärgerungen durch unverständige, das Empfinden der Juden verletzende Maßnahmen —, nachdem man es anfangs der Hilfe im nationalen und bürgerlichen Befreiungskampf versichert hatte, zwecklos aufgeopfert." Dies ist das Ergebnis, mit dem die Darstellung des Buches schließt. Nicht allein um ihres historischen Interesses, sondern auch nicht minder wegen der daraus zu ziehenden Lehren ist dieser Überblick über die Handjungen der deutschen Okkupation wertvoll. sie sind heute ein Memento für alle diejenigen polnischen Politiker, welche da wähnen, daß man eine Gemeinschaft, in der so viele Rationale Energien leben, ungestraft mißhandln und nach Willkür modeln könne. Discite »xorxitil j0Sef Meisl Der Weg in das Land*) Einige Bilder in warmen, bewegten Farben und Formen, im Rahmen eines Sollens. Der Kluge wendet seinen Scharfsinn daran, zu ergründen, wie die Welt ist, der Weise trachtet zu sagen, wie sie sein soll. So mag der Ton gewesen sein, in dem Kaleb und Joschua dem Volke von dem Lande berichteten, daß das Volk erkenne: dieses ist unser Land. Damals aber hatte das Volk aus dem einen Gott, den es in sich trug, einen Götzen bereitet, daß dieser Götze sprechen mußte: „Ich will Hornissen vor dir her senden, die vor dir ausjagen dieHeviter, Kanaaniter und Hethiter. . . Einzeln nacheinander (damit das Land nicht wüst werde) will ich sie vor dir herausstoßen, bis daß du groß werdest und das Land besitzest. . . Denn ich will dir in deine Hand geben die Einwohner des Landes, daß du sie sollst ausstoßen vor dir her." In die Sprache der modernen Judenpolitiker übertragen: „Fürchtet die Araber nicht, denn so und so wollen wir sie in humaner Weise überlisten." Wie sich aber damals Gott dennoch in dem Gesetze des Moses einen Weg geschaffen hatte: „Den Fremdling sollst du nicht bedrängen!" so ist es allen Politikern zu Trotz doch noch lebend im Volk: „Zijon wird durch Recht erlöst." Dieses ist der Rahmen von Hoeflichs „unzeitgemäßem" Bilderbuch. Unzeitgemäß, denn es ist im Kriege geschrieben. Unzeitgemäß, denn es warnt vor Englands und Frankreichs machtpolitischen Liebesumarmungen und erhofft von der Türkei kulturelle Freiheit Ungemäß einer Zeit, die das Heil des Gottes-Volks als diplomatischen Dank dafür erwartet, daß ein jüdischer Diplomat seine Verbesserung eines Menschenmordmittels England zu Diensten gab. Ich fürchte mit Hoeflich, es wird im Gegendienst so wenig Segen sein, als ihn der Dienst um Gott verdiente. Denn .dieses fühle ich als den Atem des Buches von Hoeflich und dies will unseren schwerhörigen Juden immer wieder gesagt sein: Nicht im Gewesenen und nicht im Gewordenen liegt das „Jüdische" des Juden. Nicht im Sein, sondern im Sollen. Die'Frage: „Was ist jüdisch?" gilt nicht, es gilt die Frage: Was soll jüdisch sein? Zijon wird nicht durch ein So-uhd-sosein gelöst, sondern durch das Sollen der Gerechtigkeit. Aber Gott richtet nicht mit Gleichgewicht und Rache, Gottes Rechtspruch ist Richtung. Gerechtigkeit darf nicht Unrecht nur strafen, nur verhüten, Gerechtigkeit muß *) Eugen Hoeflich, Der Weg in das Land. R. Löwit Verlag, Wien.