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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 333

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Aus den Zeiten der deutschen Okkupation in Kongresspolen [Rezension]
Date
1919-01-01
Page
333 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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BÜCHERSCHAU Aus den Zeiten der deutschen Okkupation in Kongreßpolen Oftmals ist in den Spalten dieser Zeitschrift von den jüdischen Verhältnissen in Polen während der deutschen Okkupation im Kriege die Rede gewesen, und immer wieder ertönte die bittere Klage über das schier unglaubliche Maß von Unverstand und Unkenntnis, das, genährt von den jüdischen Beratern der deutschen Behörden, diese auf die bösesten Abwege führte. Sachkunde und Klarheit des Wollens gingen der deutschen Politik im allgemeinen und namentlich in der Zeit ab, in der sie durch die Gunst der kriegerischen Ereignisse in Polen vor Probleme gestellt war, welche eine ganz andere Behandlung erfordert hätten, als die militärische Gewalt ihnen angedeihen zulassen sich fähig erwies. Es fehlte stets an tüchtigen und zugleich einflußreichen Sachverständigen in der Polenfrage, es fehlte an einem zielbewußten, klaren Programm, das nicht durch opportunistische Taktik wandelbar wird, es fehlte an einer richtigen Einschätzung der österreichischen Frage, die gerade für das Polenproblem von entscheidender Bedeutung war, und es fehlte schließlich an der Ausnutzung des richtigen Moments, so daß jeder scheinbare Fortschritt viel zu spät kam. Diese den kritischeren Geistern schon lange klare Erkenntnis fängt erst jetzt, nach dem Zusammenbruch der deutschen Macht, an, in das allgemeine Bewußtsein zu dringen. Es kann daher erwartet werden, daß die rückschauenden Betrachtungen, welche Dr. Paul Roth über die Behandlung der Polenfrage während der deutschen Okkupation in Buchform erscheinen ließ*), starkem Interesse begegnen werden. Dem jüdischen Problem, das doch von dem polnischen nie und nimmer zu trennen ist, wird in diesem Buche ein be- *) Die politische Entwicklung in Kongreßpolen während der deutschen Okkupation — unter Mitarbeit von Wilhelm Stein — von Dr. paul Roth. Leipzig, Verlag von K. F. Koehler, sonderes von Wilhelm Stein bearbeitetes Kapitel gewidmet. Die Darstellung, insbesondere auch des auf die Juden bezüglichen Teils, ist, obwohl die Verfasser keine Juden sind, von bemerkenswerter Objektivität und zeugt von einer großen Sachkenntnis, welche die Verfasser sich in ihrer Tätigkeit bei der Warschauer Presseabteilung der Okkupationsverwaltung erworben haben. Für jeden Außenstehenden, also natürlich auch für die deutschen Sieger, war die kulturelle Lage der Juden dasjenige Gebiet, das am sinnfälligsten in die Augen fallen mußte: das Festhalten an der jüdischen Tradition, die Erziehung, die sprachliche Sonderung. Die politische Lage der polnischen Juden war bei Beginn der Okkupation bestimmt durch die Landesgesetzgebung, vor allem die Ignatiewschen temporären Maßnahmen vom 3. Mai 1882 und den Ukas vom 28, März 1891, welche den Ansiedelungsrayon für die Juden festlegten, dann durch den ökonomischen Antisemitismus, der durch Hinzutreten politischer Motive ganz besonders scharfe Formen annahm, endlich durch die innerjüdischen Verhältnisse, die einen starken Aufschwung des jüdischen Nationalismus, eine wachsende Zerklüftung des Parteilebens und einen immer heftigeren Gegensatz auf religiösem Gebiete bewirkten. Diese Lage schuf jene große Fragen, die sich um die Begriffe: Assimilation — Nationalismus — Antisemitismus gruppierten. Die Tätigkeit der Zentralmächte auf dem Gebiete der Judenfrage in Polen wurde durch das erste Manifestder deutsch-österreichischen Okkupationsarmeen eingeleitet, das trotz mancher Bedenken seitens der Assimilanten bei den Juden günstige Aufnahme fand und den Zentralmächten auch in Amerika gewisse Sympathien schuf. Den Assimilatoren war das Programm der Zentralmächte noch zu „national**, und sie fanden es nötig, in einer Erklärung am 12. Dezember 1914 die jüdische Loyalität und ihr treues Festhalten „an den Idealen des polnischen Vaterlandes" zu unterstreichen. Die Okkupationsbehörden ließen es aber von Anbeginn an einer unzweideutigen

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