Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Arbeiterliteratur in Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 329 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Arbeiterliteratur in Palästina 329 einzuführen. Überall trifft man auf solche Anstrengungen, welche die Einzelnen mit ihren Schöpferkräften — jeder mit dem ,Schigaon', der in ihm lebt — unternehmen." Alles dies ist nur Ausdruck einer tief verankerten Seelenstimmung: des Glaubens an die erlösende Wirkung der Arbeit. Hier haben wir ein in der jüdischen Geschichte vermutlich einzig dastehendes psychisches Phänomen, das nun schon die Form aller tiefen jüdischen Bewegungen, die religiöse, anzunehmen beginnt. Dieser Glaube erfuhr seine erste tragische Prüfung in der Legionsbewegung. Wir wissen in Europa nicht viel von ihr. Nunmehr geben die beiden Sammelbücher „Baawoda" und „Achduth haawoda" Dokumente dieser Bewegung — zum großen Teil Briefe, die uns einen tiefen Blick werfen lassen in den erschütternden Seelenkampf der palästinensischen Arbeiter: Auf der einen Seite stand die große politische Hoffnung, die sich auf tat, wenn die Juden aktiv in in den Kampf eingriffen. Dazu die Zuversicht, Tausende junger Menschen auf dem Wege der jüdischen Legion ins Land zu bringen und endlich, nicht zumindest, die Erwartung, das jüdische Volk durch ein großes Blutopfer — „hithnadew" (sich darbringen) ist der charakteristische hebräische Ausdruck für den Eintritt in die Legion — aus seiner Trägheit emporzureißen. Auf der anderen Seite aber war der Glaube an die Arbeit, die Treue zum bisherigen Wege, und nicht zum mindesten der Abscheu gegen jede Art des Blutvergießens. Dieser tragische Gegensatz kommt in einem Aufsatz „Unzeitgemäße Worte" vonKuschnir (Sammelbuch „Baawoda"), der teilweise auch gegen den Haschomer und seine Beziehung zu den Arabern gerichtet ist, zum Ausdruck. Auch andere Völker, die Polen, die Tschechen, hatten einen Kampf zwischen Aktivisten und Pazifisten, aber dieser Gegensatz entsprang Nützlichkeitserwägungen; bei unseren Arbeitern dagegen war es der tragische Konflikt zwischen dem Prinzip der Macht und dem Prinzip der langsam aufbauenden positiven Arbeit. Ich erwähnte hier einige der Probleme, welche die Arbeiterschaft Palästinas bewegen, so wie sie sich gerade in den jüngsten Veröffentlichungen spiegeln. Ich spreche nicht von ihren organisatorischen Leistungen, — den Küchen, Krankenkassen, der Konsumgenossenschaft, dem Arbeiterfond, nicht von ihrer Kulturarbeit. (Das Sammelbuch „Baawoda" enthält die Beschlüsse der jährlichen Arbeiterkonferenzen seit 1912, und damit wichtiges Material zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Ich will nur noch kurz auf die Zeitschriftenliteratur eingehen. Die neue Organisation „Vereinigung der Arbeit" (Achduth haawoda) hat sich in dem „Kuntras" („Heft") ihr Organ geschaffen. (Es heißt jetzt „Michtabh lachawerim".) Diese Hefte stellen eine merkwürdige Verbindung von Nachrichtenblatt und Erziehungsorgan vor. Die Nachrichten sind — chronikenhaft gesehen — ganz unvollständig. Dafür wird dem Arbeiter dasjenige geboten, was ihn über die großen Linien des politischen Lebens, besonders der Arbeiterbewegung und über die Bewegungen der jüdischen Jugend in der ganzen Welt orientieren kann: bunt durcheinander Nachrichten von der jüdischen Legionsbewegung in Mitteleuropa, von den Kongreßbestrebungen, von den .Soldatensiedlungen in Queensland, Bruchstücke aus Reden deutscher Parlamentarier. Vielleicht ist dies ein Redaktionsprinzip, das für unsere, in europäischen Sprachen geschriebenen, jüdischen Wochenblätter nachgeahmt werden könnte. Wie sie heute sind, bringen sie eine Menge von Nachrichten, die ihnen irgend eine Korrespondenz über-