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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 325

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Israel und seine Sprache
Date
1919-01-01
Page
325 (sequence 4)
Language
German
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Israel und seine Sprache 325 Die ersten Schritte sind ziemlich kläglich. Es ist eine unbestimmte, langsame, verwirrte Sprache, aber immerhin eine Sprache. Wenn in verschiedenen Fällen der Sprachstörungen der Kranke, der Sprache beraubt, anfängt, sie wiederzufinden, beginnt er mit einzelnen Worten, denen kurze Sätze folgen. Immer wieder hält er inne, um — oft unauffindbare — Ausdrücke zu suchen. Das Wortgedächtnis, wie die Gesundheit im allgemeinen, ersteht langsam wieder. Andrerseits handelte es sich darum, eine Mundart den Notwendigkeiten des täglichen Lebens anzupassen, in der man seit mehreren Jahrhunderten mehr oder weniger nur abstrakte Gedanken erörterte. Zu diesen sprachpsychologischen Schwierigkeiten muß man noch einen gewissen Widerstand hinzufügen, der durch die Routine der beiden gegnerischen Lager hervorgerufen ist — die Eiferer des Gesetzes und die emanzipierten Juden. Jene sehen darin eine Art Entweihung der heiligen Sprache, diese verabscheuen den sprechenden Hebraismus, weil er ihre langen Bemühungen, das Judentum zum Schweigen zu bringen, zerstört. Aber im selben Maße, wie das Werk der Kolonisation sich festigt und wächst, kräftigt sich auch die hebräische Sprache, bereichert sich und wird bündiger. Eine Anzahl Lehrer widmet sich der Sache mit einer über alles Lob erhabenen Ausdauer, die hebräische Schule modernisiert sich, der Kindergarten findet rasche Verbreitung und trägt dazu bei, daß die Mütter von den Kleinen Hebräisch lernen. Vor dem unaufhaltsamen Strom weicht die Opposition zurück und ist sogar gewungen, einigermaßen dem gefährlichen Neuerer nachzueifern. Nach 35 Jahren unermüdlicher Anstrengungen herrscht das Hebräische in Palästina in einigen hundert Schulen, unter ihnen befinden sich einige Mittelschulen, zwei Gymnasien und eine Kunstschule. Da die Schuleinrichtungen sich weiter ausbreiten, beherrscht die nationale Sprache mehr und mehr das öffentliche Leben. Tageszeitungen und andere Blätter tragen zum Entstehen einer ganzen Schul- und Volksliteratur bei, die sich normal entwickelt. Auf Schildern und Anschlagzetteln, in Zusammenkünften und bei Feierlichkeiten, auf der Bühne und bei Sportfesten herrscht das Hebräische ohne Nebenbuhler. Zu den Energien, die an diesem Werk mitwirken, ist vor etwa zehn Jahren eine neue Kraft getreten, die eifrig und wohltätig waltet: die Vereinigung „Hapoel Hazair" („Der junge Arbeiter"). Diese jungen Idealisten kämpfen mit ebenso viel Mut und Entsagung für den Sieg des Hebräischen, wie für die allgemeine Verwirklichung ihres nationalen und menschlichen Ideals. Bei der Arbeit wie in den Ruhepausen, in der Not und in der Freude sprechen sie nur hebräisch und triumphieren in dieser Hinsicht über die bürgerliche Schläfrigkeit. Diese Intransigenz hat die Wirkung, die Geschäfte, Gasthäuser, Milchwirtschaften zu hebraisieren; der Kunde schreibt dem Kaufmann seine Sprache vor. Das Hebräische der Arbeiterklasse ist nicht immer ein Muster semitischer Reinheit, aber man muß anerkennen, daß trotz der Fehlerhaftigkeit ihres Stiles diese eifrigen Arbeiter mehr und besser für die Erneuerung der nationalen Mundart wirken, als die größten hebräischen Grammatiker und Sprachreiniger. Man darf sich jedoch keinen Illusionen hingeben. Trotz ermutigender Anfänge besitzt die hebräische Sprache noch weder die vollkommene seelische Kraft noch die Ausdrucksfähigkeit, deren der moderne Gedanke bedarf. Die Wiedergeburt einer Sprache, die seit Jahrhunderten aufgehört hat, im Laut zu leben, ist

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