Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Israel und seine Sprache
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 324 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101157-3104599--3431-3104649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
324 Jizchak Epstein: strenge Moral, die auf die kleinsten Einzelheiten des individuellen und sozialen Lebens angewandt ist. Diese ausschließlich hebräische Erziehung, die mit dem größten Eifer bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts ausgebildet und verfeinert wird, besteht heute noch unter der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Rußlands und Polens. So konnte lange Jahrhunderte hindurch der größte Teil des Volkes nur hebräisch lesen und schreiben. Ja sogar um in den Sprachen ihrer Wohnländer zu schreiben — sei es spanisch, arabisch oder deutsch — haben sich die jüdischen Schriftsteller der hebräischen Lettern als Hilfsmittel bedient. Der Verlust des gesprochenen Hebräisch hat die nationale Aufmerksamkeit auf die optische Modalität der Sprache unter zwei Gesichtspunkten konzentriert: unter dem passiven — auf das Lesen —, unter dem aktiven — auf die schriftliche Abfassung. Das graphische Hebräisch hielt stand; es war das einzige Beförderungsmittel des Gedankens in den geistigen Kreisen, wo alles in der alten Mundart vermittelt war: Handelsverbindungen, Rechnungswesen, Vorschriften für das bürgerliche Leben. Anderseits ist die literarische Tätigkeit in hebräischer Sprache niemals unterbrochen worden. Trotzdem sie oft in Verfall gerät und das bewegte Schicksal des Volkes mitmacht, hat die hebräische Literatur nie aufgehört, Epochen eines glänzenden Erwachens hervorzubringen. Der Jude teilte so seine Geschicklichkeit des Wortvermögens zwischen zwei Sprachen: die Mundart des Landes — mehr oder weniger durch den semitischen Verstand abgewandelt — diente rein phonetisch den Notwendigkeiten des täglichen Lebens; während die nationale Sprache in ihrer sichtbar-graphischen Gestalt in allen Kundgebungen des höheren Lebens gebraucht wurde, — der religiösen, sittlichen, geistigen und ästhetischen. Das Hebräische herrschte in der Synagoge, in der Schule auf allen Stufen, in der Bibliothek, im Gerichtsverfahren und in allen feierlichen Augenblicken des Lebens. War diese Sprache tot, in der die Jugend belehrt wurde und die die Intellekuellen mit beispiellosem Eifer studierten? Hat die Mundart aufgehört, in der Millionen von Wesen ihre heiligsten Bestrebungen ausdrückten, ihre zartesten Hoffnungen besangen, und in der sie ihre wildesten Klagen ausstießen? War diese immer wachsende Literatur ohne Lebenskraft, die man mit Recht als die Lebensquelle der Nation, als das Lebensrecht Israels ansah? Niemals trennt das jüdische Volk in seinem messianischen Ideal der vollständigen Wiederherstellung die Sprache vom Lande. Die Rückkehr in das Vaterland schließt die Auferstehung der hebräischen Worte ein. Israel, Zion und die biblische Mundart bilden in der nationalen Anschauung eine Verbindung, deren gewaltsam getrennte Elemente sich endlich doch wieder zusammenschließen werden; so will es die gebieterische Notwendigkeit ihrer unbesiegbaren Wahlverwandtschaft. Unter diesen Gesichtspunkten und unter dem besonderen Einfluß des nationalen Erwachens hat die jüdische Kolonisation in Palästina ihre ersten bescheidenen, zögernden Schritte gemacht, und die hebräische Sprache erschien sogleich triebhaft, fast unwillkürlich. Der erste Spatenstich, der in dem Boden der Väter von dem jüdischen Ansiedler getan wurde, ließ biblische Töne wieder erschallen; die erste jüdische Pflugschar, die die Ebene Judäas umpflügte, rief die hebräische Schule ins Leben.