Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Israel und seine Sprache
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 326 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3^6 Hugo Bergmann: eine äußerst komplexe Erscheinung, die das Zusammenwirken zahlreicher Elemente und die ununterbrochenen Anstrengungen mehrerer Generationen erfordert. Aber die erste Phase, die das wiedererstandene Hebräisch hinter sich hat, ist für die Zukunft verheißungsvoll. Sie scheint zu beweisen, daß die Heilung der kollektiven amnestischen Aphasie den Gesetzen unterworfen ist, die das Verschwinden der Sprachstörungen beim Individuum beherrschen. In beiden Fällen macht der Kranke durch die Anwendung systematischer Neubelehrung rasche Fortschritte. Wiederholung und Übung erfrischen und beleben die Erinnerung, die für immer ausgelöscht zu sein schien. So würde sich die Unzerstörbarkeit des kollektiven Gedächtnisses ebenso wie des individuellen bestätigen. Solange der Organismus fortdauert, können seine Erinnerungen wieder belebt werden; sie sind verborgen, verdeckt und von überlegenen Nebenbuhlern unterdrückt. Aber trotzdem bestehen sie und sind fähig, wieder lebendig zu werden, wenn man ihnen zu Hilfe kommt, um sie zu befreien. Und die Worterinnerungen sind — trotz ihrer äußersten Empfindlichkeit — dieser Tugend nicht beraubt. Große Schätze hebräischer Worte, die während Tausender von Jahren aufgestapelt sind, liegen im Schöße der jüdischen Masse. Nun widersteht dieser nationale Organismus den Schlägen der Zeit. Gelangt er also in seinen normalen Zustand, dann sprießen seine alten Worterinnerungen hervor, befreien und verjüngen sich. Alles macht uns glauben, daß in der Symphonie der Sprachen der neuen friedlichen und versöhnten Menschheit auch die Mundart widerhallen wird, in der diese Menschheit sich zum erstenmal ankündigte, und daß das Zeitalter des Wiedergutmachens alles gegenwärtigen und vergangenen Unrechts das Doppelwunder sich ereignen sehen wird: die Wiedergeburt Israels, verbunden mit der Auferstehung seiner Sprache. Wie es auch sei, diese kollektive Amnesie zweier Jahrtausende, die zu heilen beginnt, drängt sich der Aufmerksamkeit des Sprachforschers, des Psychologen und Soziologen auf. Palästina Jizchak Epstein ARBEITERLITERATUR IN PALÄSTINA In einem kürzlich (in der neuen Monatsschrift „Maabaroth") erschienenen Essay über Stil des Einzelnen und Stil der Gemeinde wies Jakob Fichmann auf die merkwürdige Tatsache hin, daß die hebräische Literatur der letzten Jahre, trotz glänzender Erscheinungen im einzelnen, von einer inneren Krise ergriffen sei. Das Jubeln der Vorwärtsstürmenden der neunziger Jahre ist vorbei; an seine Stelle sind Zweifel und innere Schwächen, Mangel an Selbstvertrauen getreten. Die vielen einzelnen Leistungen summieren sich nicht zu einem Ganzen, weil die gemeinschaftliche Idee, die gemeinsame Triebkraft eines Willens^ fehlt. Erst wenn sie wieder da sein werden, wird die gegenwärtige Krise überwunden sein. Die folgenden Zeilen wollen auf einige hebräische Veröffentlichungen hinweisen, die in den letzten Monaten erschienen sind und Zeichen einer neuen