Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Israel und seine Sprache
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 323 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Israel und seine Sprache 323 tausend Jahre fortbestanden hat, sich jetzt auf dem Wege der Heilung zu befinden scheint. Werfen wir zunächst einen Blick auf den allgemeinen Zustand des Gedächtnisses des in Frage kommenden Amnestikers. Seit mehr als 1800 Jahren zerstreut, aber sich seiner außergewöhnlichen Lebenskraft bewußt, bewahrt Israel bewunderungswürdig sein Kollektivgedächtnis, den Gemeinschaftssinn, die Sitten, die Erinnerungen einer langen, an Unglück reichen Vergangenheit, und ganz besonders das humanitäre Ideal und den starken Glauben an die nationale Wiederaufrichtung. Sie alle scheinen unvergänglich im Schöße der jüdischen Massen zu ruhen. Die moralische Einheit Israels hat immer die bedeutenden Menschen in Erstaunen gesetzt, und oftmals schien dieses Volk in der Zerstreuung geeinigter, als zu den Zeiten der Freiheit. Solange das Kollektivgedächtnis so gut bewahrt ist, kann die Nation nicht verschwinden; sie könnte jedoch nicht unbegrenzt ohne das materielle Band der Einheit, ohne ein gemeinsames Land bestehen. Das jüdische Volk hat diesem Mangel vorläufig abgeholfen, indem es aus dem Glauben an eine Rückkehr in das Land der Vorfahren ein religiöses Dogma, den heiligsten Grundsätzen des Judentums gleich geachtet, machte. Indem es die Autosuggestion anwendet und seine Zuflucht zu mnemonischen Mitteln nimmt, verkündet es feierlich diese Rückkehr in täglichen Gebeten bei Festen und Feierlichkeiten, wiederholt es unablässig die glühenden Bekenntnisse der Propheten. Diese Zähigkeit des Gedächtnisses beweist eine reiche Reserve an Lebenskräften und rechtfertigt manche Verheißungen, manche Prophezeiung. Dieses nationale Gedächtnis jedoch, das, im Bereich der Gefühle und Gedanken so glorreich dem zerstörenden Werk der Zeit hat widerstehen können, vermochte es nicht hinsichtlich der Sprache, dieses schwachen Punktes unserer Erinnerungsfähigkeit Der erste Stoß, der den nationalen Organismus erschüttert, führt zu Trübungen in der Sprache; die erste Zerstreuung, die babylonische Gefangenschaft, verursacht teilweise einen Verlust des Wortgedächtnisses. Das Hebräische entartet, es wird aramäisiert. Trotzdem kämpft die geistige Elite für das nationale Bestehen, und trotz aller Schläge klammert sie sich an die klassische Mundart und eröffnet ein ebenso wichtiges wie fruchtbares literarisches Zeitalter. Alsdann tritt ein sehr sonderbares Phänomen in Erscheinung. Einerseits vergißt das Volk mehr und mehr, seine Mundart zu sprechen. Der Verlust des Wortgedächtnisses breitet sich aus, verschärft sich; aber auf der anderen Seite wächst beständig die Zahl der Menschen, die hebräisch lesen und schreiben. Schließlich hält das Aramäische, das dem Hebräischen folgt, mehrere Jahrhunderte hindurch den semitischen Geist, was die Sprache anlangt unter der jüdischen Bevölkerung aufrecht, was natürlich den Zugang zur verlassenen Schwestersprache äußerst leicht macht. Bald erreicht die sprachliche Anomalie ihren Höhepunkt. Während die zugrunde gerichtete und verfolgte Nation sich nach dem Westen verstreut, wo sich die letzten Spuren der hebräischen Rede verwischen, führt der jüdische Genius am Ende des ersten Jahrhunderts den im Namen der Religion verlangten Unterricht ein. Von dieser Zeit an verbringen alle Kinder Israels ohne Ausnahme ihre besten Jahre mit dem Lernen der nationalen Literatur, dem einzigen Unterrichtsgegenstand der alten jüdischen Schule. Diese gab nicht ohne Grund vor, so dem Kinde die festeste Grundlage zu einem glücklichen Leben zu bieten: eine