Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 321 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 321 wird es zur Torah und bei sonstigen offiziellen Gelegenheiten dann immer nur mit seinem schem hakkodesch ohne den Decknamen gerufen. In manchen chassidischen Kreisen (so z* B. über Empfehlung des Zaddiks R. Jizhak Eisig aus Komarno) ist es in solchen Fällen Brauch, dem Kinde bei der offiziellen Namensverleihung überhaupt keinen schem hakkodesch, sondern einzig und allein einen der obengenannten Decknamen zu geben, da sonst der böse Dämon womöglich durch Verrat des schem hakkodesch das Kind doch herausfinden könnte. Erst nach einigen Jahren, nachdem keine Gefahr für das Leben des Kindes zu befürchten ist, wird ihm ein schem hakkodesch verliehen. Dieser letztere Brauch wird jedoch nur sehr wenig geübt Begegnet man im Osten jemand, der den Namen Seide, Alter oder Babele, Alte führt, dann weiß man schon, daß dessen Geburt und Erziehung seine Eltern nicht wenig Kummer und sorgenvolle Tage gekostet haben und daß der kindermordende grausame Dämon mehr als einmal in ihrem Hause Gast gewesen sein mag. Als Termin, an welchem dem neugeborenen Mädchen der Name verliehen wird, gilt nach alter Sitte der der Geburt folgende Tag, an dem in der Synagoge aus der Torah gelesen wird, also an einem Montag, Donnerstag oder Sabbat. In manchen Familien geschieht dies jedoch ausschließlich an dem der Geburt folgenden Sabbat. An diesem Tage wird der Vater zur Torah gerufen. Nach dem Verlesen des Torahabschnittes sagt der Kantor die traditionellen Segenssprüche (Mischebberach) für die Wöchnerin und das Kind, bei welcher Gelegenheit dem Kinde sein Name verliehen wird, d. h. es wird bestimmt, wie es von h^ute ab „in Israel genannt werden soll". Anläßlich dieser Gelegenheit wird vom Vater zum Wohle von Wöchnerin und Kind, je nach seinem materiellen Können, für verschiedene fromme und wohltätige Zwecke gespendet. Kaum ist das „Mischebberach" beendigt, so ruft die ganze Betgemeinde dem Vater ein lautes „Masel tow" zu, jeder Einzelne geht an ihn heran, um ihm die Hand zu drücken und ihn zu beglückwünschen. In wohlhabenden Kreisen findet an dem der Geburt folgenden Sabbat ein großer Empfang statt, bei dem die zur Beglückwünschung sich einfindenden Gäste mit süßem Gebäck und Getränken bewirtet werden. Bei Chassidim wird, ohne Unterschied des Standes, am Morgen, an dem das Kind den Namen bekommt, bald nach dem Gebet im Bethause der übliche „Tikkun" d. i. Schnaps oder Wein und „Lekach" (Honigkuchen) an die ganze Betgemeinde verabreicht, wobei jeder, nachdem er die für das Getränk vorgeschriebene „Brachah" (Segensspruch) gemacht und vom GIase genippt hat, dem Vater die Hand reicht und unter kräftigem Drucke ein herzliches „Lechaim" (Vivat), unter Begleitung verschiedener Segen für Wöchnerin und Kind, zuruft. Hat die Verleihung des Namens an einem Wochentage iam Montag oder Donnerstag bereits stattgefunden und ist an diesem Tage schon „Tikkun" geboten worden, so folgt noch außerdem am folgenden Sonnabend gleichfalls für alle Fälle nach dem Morgengottesdienste der offizielle „Sabbattikkun". Überdies wird in chassidischen Kreisen vom Vater am Sonnabend nach dem „Minchah"-gebet ein solennes „Schalosch-seudot"-Mahl in der Betstube für die Gemeinde gegeben. Ein Knabe bekommt traditionell den Namen während der Brith-Milah-Feier Unmittelbar nach vollzogener Beschneidung. Bevor dem Kinde der Name in der von der Tradition vorgezeichneten offiziellen H«ft 7» 21