Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 320 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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320 Samuel Rappaport: bezw. Nechamah (der Trost), wenn Beschneidung oder Geburt am Purim bezw. am neunten Tage des Monats Ab, d. i. am nationalen Trauertage nach der Zerstörung der beiden Tempel vor sich gegangen ist. Durch den Namen wird das Kind zu einer, bestimmten Persönlichkeit. Mit ihm wird vorzüglich seine Individualität bezeichnet. Dieser Umstand kann neben den positiv guten auch negativ verhängnisvolle Seiten mit im Gefolge haben. Wenn böse dämonische Kräfte jemand und ganz besonders Kinder im Auge haben, um ihnen Schaden an Leib und Leben zuzufügen, können sie es nur dann, wenn der Mensch, auf welchen sie es abgesehen haben, mit einem bestimmten Namen gekennzeichnet ist. Der Name des Opfers macht es ihnen leicht es herauszufinden; hingegen wird ihnen dies sehr schwer, ja sogar unmöglich, wenn es durch keinen Namen markiert, also namenlos dasteht. In ganz besonderen Fällen erscheint deswegen, insofern eine Gefahr für das Leben eines neugeborenen Kindes zu befürchten ist, die Notwendigkeit geboten, bei der Namensverleihung dem schem hakkodesch noch eine zweite symbolische Bezeichnung, die gar keinen Namen, sondern bloß eine Art Decknamen darstellt, beizufügen. Dieser ungewöhnliche, doch fast in jeder Stadt anzutreffende Fall erscheint dort angebracht, wo Eltern von dem Unglück heimgesucht werden, daß die ihnen gebornen Kinder überhaupt oder bloß die Knaben oder Mädchen im frühen Alter durch Krankheit und Tod hingerafft werden. Ein Schicksalsdämon soll hier auf die in einer bestimmten Familie gebornen Kinder sein besonderes Augenwerk gelenkt haben. Damit er seine weiteren Opfer nicht mehr herausfinden könne, ist es notwendig, daß sie nach Möglichkeit namenlos bleiben. Um nun dem vorzubeugen, daß das Kind das traurige Schicksal seiner ihm vorangegangenen Geschwister teile, wird ihm unauffällig und still zwar bei der offiziellen Namensverleihung ein schem hakkodesch gegeben, aber diesem noch eine Bezeichnung als Deckname beigefügt. Diese im allgemeinen Gebrauch stehenden Decknamen haben durchweg einen symbolischeuphemistischen Charakter und es soll ihnen eine wohltuende amulettartiges gegen den Einfluß böser Dämone schützende Kraft innewohnen. Sie lauten fast immer Alter oder Seide (Großvater) für Knaben und Alte oder Babele (Großmütterchen) für Mädchen. Die Decknamen enthalten eigentlich in ihrer Bedeutung den Wunsch, daß das betreffende Kind alt oder Großvater bezw. Großmutter werden, d. h. daß ihnen ein langes Leben beschieden sein möge. Das Kind wird ausschließlich mit diesem Decknamen genannt, der ebenso zu Hause wie später durchs ganze Leben in der Gesellschaft sein alleiniger Rufname bleibt. Der eigentliche Name des Kindes, der schem hakkodesch, wird tunlichst geheim gehalten und es wird streng darauf geachtet, daß man das Kind nicht mit diesem, sondern ausschließlich mit dem Decknamen nennt, es könnte sonst von unabsehbaren schweren Folgen für das Kind werden. Auch dem Kinde gegenüber wird das Geheimnis seines schem hakkodesch streng gewahrt, da es in seinem kindlichen Leichtsinn ihn leicht ausplaudern und an die breite Öffentlichkeit verraten könnte. Erst nach Verlauf einiger Jahre, .wenn die drohende Gefahr gebannt zu sein scheint, oft schon zur Zeit, in der das Kind den Cheder zu besuchen beginnt, wird ihm sein eigentlicher Name d. h. sein schem hakkodesch mitgeteilt, wobei es aber dessenungeachtet auch künftighin ausschließlich bei seinem Decknamen genannt wird. Selbstverständlich