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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 322

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1919-01-01
Page
322 (sequence 17)
Language
German
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322 Jizchak Epstein: Form gegeben wird, wird, selbst wenn er von den Eltern schon genau bestimmt und den nächsten Verwandten bekannt ist, peinlich darauf geachtet,, daß niemand das Kind früher mit ihm bezeichne oder anrufe, ebenso wird er nach Möglichkeit vor allen Außenstehenden geheim gehalten. Erst nachdem das Kind offiziell seinen Namen erhalten hat, wird er allen bekanntgegeben und gleichzeitig berichtet, wessen Namen das Kind erhalten habe. Baden bei Wien Samuel Rappaport ISRAEL UND SEINE SPRACHE Ein Fall sozialer Psychopathologie Gemeinschaft und Individuum bieten, was die Sprache anbelangt, schlagende Analogien, die sich besonders an dem Fall der Sprachstörungen zeigen. Bei dem Individuum spiegelt die Sprache getreu den Gesundheitszustand wieder. Je normaler dieser ist, desto ungehinderter ist die Ausdrucksweise, desto klarer und bestimmter das Wortbild. Dagegen zeigen sich Müdigkeit, Krankheit, Alter in einer zögernden und verwirrten Sprache. Da das Gedächtnis für Worte weniger dauerhaft als für Dinge und Gedanken ist, ist es mehr als die anderen Gedächtnisarten von den Veränderungen unseres körperlichen Zustandes bestimmt, so daß es als deren sehr empfindliches Barometer fungiert. In gewissen pathologischen Fällen, wo der Kranke eine Gedächtnisschwäche erlitten hat, vergißt er vor allem die Worte. Er hat ein klares Bewußtsein der Begriffe, die er ausdrücken möchte, aber er findet kein entsprechendes Wort. Es liegt hier die amnestische Aphasie in ihrer motorischen Form vor, die vorübergehend oder langwierig sein kann, je nach der größeren oder geringeren Schwere des Falls. Indessen versteht der Kranke, dessen Sprachzentren gestört sind, vollkommen, was zu ihm gesprochen wird und was er liest. Unter den verschiedenen Formen der Sprache ist die freie Rede, sei sie ausdrückender oder aktiver Art, tatsächlich die mühsamste und die am ehesten eine Anstrengung des Gedächtnisses verlangt. Die passive Sprache — gehört oder gelesen — stellt verhältnismäßig keinerlei Schwierigkeiten dar. Dieselbe Wechselbeziehung besteht zwischen einer Nation und ihrer Sprache, die allen Schwankungen ihres Gesellschaftszustands unterworfen ist. In Zeiten der Freiheit und des Wohlstands erhöht und schärft sich die Ausdrucksfähigkeit des Volkes, während sich politischer und sozialer Verfall in einem analogen Wandel der Sprache ausdrückt. Bei einer unterjochten und verstreuten Nation ist das gesamte Gedächtnis angegriffen. Sitten, Gewohnheiten, Überzeugungen verschwinden nach und nach, aber das Wortgedächtnis — das Idiom — schwächt sich vor allem ab und erlischt endlich. Die Sprache stirbt. Hier haben wir es mit der Kollektivaphasie zu tun, die im allgemeinen den Todeskampf der Nation bedeutet. Ein außergewöhnlicher Fall dieser Art von Verlust des Wortgedächtnisses zeigt sich beim jüdischen Volke, wo die Krankheit, nachdem sie mehr als zwei-

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