Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 317 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 317 Ansicht nämlich kann die Seele kraft einer ihr innewohnenden unerschöpflichen Emanation unzählig viele Funken, sogenannte „Nizuzim", entsenden, wobei jedem einzelnen dieser Funken sämtliche der Mutterseele eignen Qualitäten anhaften. Diese primäre Seele oder Mutterseele spaltet sich auf diese Weise in unzählig viele untereinander und auch ihr gleichende Seelenindividualitäten, wobei aber die Mutterseele bei diesem Prozesse vollständig ungeschwächt und intakt bleibt. Die Kabbalah vergleicht diesen Vorgang mit einer Lampe, die unzählig viele Lampen entzünden und ihre Leuchtkraft mitteilen könne, ohne von der ihrigen etwas einzubüßen. Diese Erscheinung wird in der Kabbalah als „Sod haibbur" d. h. das Geheimnis der Schwangerschaft, der Seelen nämlich, bezeichnet. Erhalten verschiedene Menschen je einen „Nizuz" von ein und derselben Mutterseele, dann besitzen sie alle einander ähnliche Seelen, die aber alle wieder der Mutterseele, vont der sie die „Nizuzim" empfangen, gleichen. Hingegen kann ein Mensch in sich auch zwei verschiedene Seelen vereinigen, wenn er zwei „Nizuzim" von zwei verschiedenen Seelen empfangen hat. So z. B. soll der Prophet Samuel die Seelen von Moses und Ahron in sich vereint haben, was im Psalm 99 Vers 6 angedeutet zu sein scheint. (Nischmat Chaim VI, 12.) Aus diesem Umstände allein ist es zu erklären, wenn einem Menschen mitunter zwei verschiedene, oft sogar entgegengesetzte Charaktereigenschaften innewohnen; er habe eben Nizuzim von verschiedenen Seelen empfangen. Werden nun mehrere Kinder nach ein und derselben Person benannt, so erhält zugleich mit dem Namen jedes der Kinder einen Nizuz jener Mutterseele, wodurch diese auf jedes von ihnen mit all ihren geistigen und sittlichen Qualitäten in ihrer ganzen Individualität übertragen erscheint. Der Tote kehrt dann wieder, und oft sogar nach vielen Generationen, in mehreren Erscheinungsformen bei den Lebenden ein. In jedem Familiengeschlechte glaubt man in allen, die den gleichen Namen führen, dieselben guten und auch minder guten Eigenschaften zu finden. So meint man z. B., daß alle, die in diesem Familiengeschlechte X heißen, sehr gut seien, alle, die Y heißen, gut lernen und viel Talmud verstehen, alle, die den Namen Z tragen, klug, gute Kaufleute, aber nicht von gutem Charakter seien usw. Der ursprüngliche Träger dieses Namens, glaubt man, hatte zugleich mit diesem auf alle, die denselben Namen bekommen, die gleichen Charaktereigenschaften übertragen, oder, um mit der Kabbalah zu sprechen, alle diese Träger des gleichen Namens hätten ihre einander gleichen Nizuzim von ein und derselben Mutterseele empfangen. Wie schon oben bemerkt, sehen sich mitunter die Eltern aus irgend welchen Rücksichten veranlaßt, das Kind nach zwei Verstorbenen zu benennen. Das Kind bekommt dann zwei hebräisch traditionelle Namen und wird mit beiden benannt, zugleich bekommt es mit diesen die seelischen Persönlichkeiten jener beiden Personen, deren Namen es erhalten. Die Nizuzim überspringen aus den Seelen derselben auf dies Kind und verschmelzen hier zu einer einzigen Individualität, wobei man dann im Hause doch deren Verschiedenheit im Kinde zu erkennen glaubt. Die Mutter meint oft die verschiedenen Eigenarten der zwei Personen, deren Namen das Kind erhalten, bei demselben wiederzuerkennen. Diese beiden Namen trägt nun das Kind durchs ganze Leben und sie werden dann zusammen und ungetrennt auf dessen Nachkommen weiter vererbt; daher auch