Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 316 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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3i6 Samuel Rappaport: mehr am Leben und das neugeborene Kind ein Mädchen ist. Ist aber sein Vater noch am Leben, während der der Mutter nicht mehr lebt, so gehört die Priorität der Mutter, und das Kind, wenn ein Knabe, bekommt dann den Namen ihres Vaters. Ebenso ist es bei einem Mädchen; wenn die Mutter des Vaters noch lebt und die Mutter keine mehr hat, dann wird das Kind nach ihrer Mutter benannt. Beim zweiten Kind dagegen gebührt die Priorität in der Bestimmung des Namens der Mutter. Außer der Pietät gegenüber dem Toten sind es hier auch seelische Momente, die in dieser Einrichtung als mitbestimmend betrachtet werden müssen. Der Gedanke, einen teuren Toten bei sich sozusagen wieder auferstanden zu sehen, fällt hier nicht wenig ins Gewicht. Kommen aber bei der Geburt eines Kindes die Namen der Eltern von Vater und Mutter zur Verwendung nicht in Betracht, sei es daß diese noch am Leben sind, oder wenn schon verstorben, ihre Namen schon von früheren Kindern getragen werden, dann wird zu den Namen der Großeltern und sogar weiter hinauf, zuweilen auch zu denen anderer Verwandter gegriffen. Wünschen die Eltern, daß das Kind nach zwei Personen benannt wird, dann verbindet man die Namen beider miteinander, und das Kind bekommt in diesem Falle zwei Namen. Mitunter trifft es sich, daß jemand z. B. den Namen seines Vaters bei seinem Kinde sehen möchte, ihm aber nur Töchter gegeben sind und er aus irgend einem Grunde auf weiteren Kindersegen nicht mehr hofft; dann wird der Name des Vaters auf diese Weise dem neugeborenen Mädchen übertragen, indem man ihm einen Namen gibt, dessen Anfangs- und Endbuchstaben denjenigen des Verstorbenen gleichen; so z. B. wird Gabriel zu Gitel, Chaninah zu Channah, Menachem zu Mirjam usw. Nachdem die Benennung der Kinder sozusagen durch Sitte und Brauch geregelt erscheint, weiß man schon in Verwandten- und Bekanntenkreisen, sobald ein Kind geboren wird, in den allermeisten Fällen so ziemlich sicher, welchen Namen das Kind bekommen wird. Man sagt dann: bei X ist Y geboren, d. h. der verstorbene Y ist im Hause des X zur Welt gekommen, und in der Tat glauben auch die Eltern, den Verstorbenen, dessen Namen sie für das neugeborene Kind bestimmt haben, gewissermaßen verjüngt in ihm wieder vor sich zu sehen. Wie ein Schimmer aus dem hellen Jenseits leuchtet es in das Herz der Eltern, wenn ihr Auge auf die sie umgebende Kinderschar ruht, die ihnen die Erinnerung an teure Tote stets vor Augen lebendig erhält. Mit seelischer Genugtuung weisen sie auf ihre Kinder hin, wenn sie sie einer ihnen nahe stehenden Person zum ersten Mal mit den Worten vorstellen: „Das ist mein Täte (Vater) bezw. meine Marne (Mutter)". Ein von Wehmut begleiteter stiller Neid beschleicht manch kinderloses Ehepaar beim Anblick der auferstandenen toten Eltern im Hause der Geschwister. Hinterläßt jemand mehrere Kinder, so sucht jedes von ihnen bei sich im Hause seine verstorbenen Eltern zu sehen, indem sie alle ihren Kindern die Namen der verstorbenen Eltern verleihen. So oft jedes der Kinder einen neugeborenen Sprossen nach dem verstorbenen Vater oder Mutter benennt, feiern diese ihre Auferstehung. Ein Verstorbener sieht sich auf diese Weise mitunter meist lange Zeit nach seinem Heimgange in mehreren Exemplaren vervielfacht, wobei er jedem dieser seiner Namensträger sozusagen ein Stück seiner Seele mit den ihrer Persönlichkeit innewohnenden Qualitäten verleiht. Nach kabbalistischer