Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 315 (sequence 10)
- Language
- German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 315 moderne in der Haskalahzeit unter den Juden eingeführte Namen wie z. B. Adolf (statt Abraham), Leo (statt Jehuda Leib), Hermann (statt Hirsch) usw., einzig und allein weil viele Juden sich ihrer bemächtigt und sie als jüdisch zu gelten begonnen hatten, gänzlich in jenen Kreisen zu verschwinden begannen und durch andere, die seltener von Juden benützt wurden, wie z. B. Anton, Ludwig, Heinrich usw. ersetzt werden. Der Name „Moritz" (statt Moses) gilt für noch jüdischer als Moses und wird durch irgend einen anderen Namen ersetzt der nicht einmal irgend eine Buchstabenähnlichkeit mit diesem Namen haben darf; mitunter jedoch erscheint Moses in der Metamorphose als Mieczyslaw. Hier allein, im rücksichtslosen Attentat auf die hebräisch-traditionellen Namen und der dieser Aktion innewohnenden Assimilationstendenz ist die merkwürdige Erscheinung zu erklären, warum der Ostjude neben der gerechten Verteidigung seines schem hakkodesch auch von den zumeist aus Deutschland mitgebrachten, im Laufe der vielen Jahre arg korrumpierten, oft unästhetisch klingenden und dringend einer Reform bedürftigen fremden Namen mit solcher Zähigkeit und Ausdauer nicht lassen will. Den Namen, den er von seinen Ahnen erhalten, will er, und um so mehr den schem hakkodesch in der übernommenen Form fortsetzen und fortgepflanzt sehen*). Manch frommen Ostjuden schmerzt es tief in der Seele, wenn er in seinem Verwandtenkreise manch alten in der Familie durch Jahrhunderte mit Stolz getragenen Namen, wie z. B. Salomo in Friedrich, Ahron in Artur, Josua in Otto usw. umgetauft sieht. Zu den seltenen Ausnahmen gehören die Namen Josef und Jakob, die, weil gleichzeitig auch unter den Nichtjuden stets stark verbreitet, in der Regel nicht „modernisiert" werden. In neuester Zeit machte sich unter dem Einflüsse der jüdisch-nationalen Strömung unter der intelligenten jüdischen Jugend diesbezüglich ein Umschwung in konservativer Richtung bemerkbar. Während man es in den intelligenten jüdischen Kreisen des Ostens für unopportun und unschicklich hält, einen „prononciert" jüdischen Namen zu tragen, versucht es jetzt ein beträchtlicher Teil der akademisch gebildeten jüdisch-nationalen Jugend, gerade die „prononciert" jüdischen, die traditionell hebräischen Namen zu restituieren und öffentlich in ihre alten Ehren einzusetzen. Namen wie z. B. Abraham, Gerschon, Efraim, Israel usw.j denen man früher unter der Intelligenz sehr selten begegnete, hört man jetzt hier viel häufiger und sie erfreuen sich einer, früher in diesen Kreisen nie gekannten, großen Popularität. 5. Vererbung der Namen. Beim ersten Kinde nimmt in der Regel der Vater das Recht, den Namen 2u bestimmen, für sich in Anspruch. Wenn er keinen Vater mehr hat, erhält das Kind den Namen seines Vaters bezw. seiner Mutter, insofern diese nicht *) Vor etwa fünfzig Jahren hat eine in Ostgalizien durch Wohltun und Frömmigkeit sehr bekannte alte jüdische Frau vor ihrem Tode ihre Kinder um sich versammelt und u. a, auch folgendes anbefohlen: „Nach meinem Ableben werdet ihr wahrscheinlich eure Nachkommen nach mir benennen wollen. Bezüglich dessen geht mein Wunsch dahin: ich habe mein Leben lang Lea geheißen, den Namen habe ich von meinen Vorfahren geerbt; als Lea will ich weiter unter euch fortleben. Wenn ihr aber diesen meinen Namen nach heutmodischer Art ändern wolltet, so verlange ich, daß ihr überhaupt unter diesen Umständen kein Kind nach mir benennen sollet, ansonsten ich das Kind bald zu mir ins Jenseits rufen Werde. Ich habe als Lea auf dieser Welt durchs Leben gewandelt, nun will ich unter keinen Umständen als Lina oder Laura oder Leonora wieder auf dieser Welt herumlaufen,"