Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 314 (sequence 9)
- Language
- German
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314 Samuel Rappaport: der Nachkommenschaft mit ebenderselben Pietät fortgepflanzt wie die berühmter männlicher Ahnen. Ebenso wie die Persönlichkeit des Mannes wird auch ein Stück der Persönlichkeit der Frau mit ihren Namen auf dessen neugeborene Trägerin übertragen. Fast jede ostjüdische Frau kennt die Herkunft ihres Namens und weiß, zumeist besser sogar als die Männer, mitunter ganz genau mehrere Generationen aufwärts, seine Geschichte bis zu jener berühmten Vorfahrin, die meist diesem Namen die für die Familie so wertvolle Bedeutung verliehen, hinaufzuleiten. Von diesen Gesichtspunkten aus ist es wohl begreiflich, warum der an allen von den Ahnen ererbten und übernommenen geistigen und sittlichen Werten so treu und ausdauernd festhaltende Ostjude auch zäh und hingebungsvoll von den überlieferten Namen nicht lassen will. Schon seit Beginn der Haskalah- Epoche im Osten, etwa seit dem zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts datiert das Bestreben der sogenannten aufgeklärten jüdischen Kreise, die alten jüdischen Namen gegen neue nichtjüdische einzutauschen. Die Intelligenz gab, zugleich mit dem Verlassen des religiös-traditionellen Bodens, diesem Bestreben meist blindlings Folge. Das fromme Ostjudentum setzte ihm den schroffsten Widerstand entgegen. Abgesehen davon, daß ihm das Aufgeben der alten Namen als ein zäher Bruch mit der Vergangenheit, ein gewaltsames Zerreißen der Kontinuität der bisher eng geschlossenen Ahnenreihe, wie nicht weniger als ein seelenlos-kaltes, pietätloses Handeln gegenüber den Vorfahren, die durch ihre unverfälschten Namen in der Kette der Nachkommenschaft weiter zu leben gehofft hatten, erscheint, sieht das fromme Ostjudentum, und darum ist es ihm in erster Linie zu tun, in dieser Handlung zugleich ein allmähliches, aber konsequentes Sichentfremden von der jüdischen Volksgemeinschaft und ein wissentliches Verleugnen, wenn auch bloß nach außen, der Zugehörigkeit zu ihr. Mit offenkundiger Empörung weist der fromme Ostjude jede, auf das Aufgeben der überlieferten Namen hinzielende Aktion zurück. Das von Seiten der „Aufgeklärten" seit Jahrzehnten zur Begründung dieser Bestrebung geltend gemachte Argument, daß die alten jüdischen Namen der ins Leben tretenden Jugend Schwierigkeiten in ihrem bürgerlichen Fortkommen bereiten, ist es hauptsächlich, was beim frommen Ostjuden sittliche Entrüstung hervorruft und sein jüdisches Empfinden schmerzlich beleidigt. Es besagt dies ganz klar, nur mit anderen Worten, daß man im Interesse eines leichteren Fortkommens, also zum Zwecke materieller Vorteile, sein Judentum, wenn auch bloß nach außen hin, verleugnen und sich unter fremdem unjüdischem Namen als Jude nicht kenntlich zu machen bestrebt sei; also das zu verleugnen, was jeder gute und fromme Jude, ohne Rücksicht darauf, ob dies seinem persönlichen Vorteil Eintrag bringt oder nicht, stolz und selbstbewußt überall offen zur Schau tragen soll. Der Übereifer der sogenannten Aufgeklärten und später der Assimilanten, der nicht nur die aus dem Westen eingeführten fremden sondern auch, und dies hauptsächlich, die hebräisch traditionellen Namen auszurotten und durch neue fremde zu ersetzen suchte, war es in erster Linie, wogegen die frommen Ostjuden sich zur Wehr setzten. Wenn man es bloß bei jenen fremden übernommenen Namen hätte bewenden lassen, wäre die Aktion selbst unter den Frommen nicht ganz ohne Erfolg geblieben, aber die Zumutung, selbst auf den schem hakkodesch zu verzichten, mußte auf den schroffsten Widerstand stoßen. Bezeichnend für die dieser Aktion zugrundeliegende Tendenz ist der Umstand, daß selbst fremde