Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 312 (sequence 7)
- Language
- German
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312 Samuel Rappaport: Gebets (Schmoneh esreh) solle man einen Satz aus der Bibel einschalten, dessen erster und letzter Buchstabe denen des schem hakkodesch des Betenden gleichen. In den meisten im Osten gedruckten Gebetbüchern befindet sich am Schluß des Achtzehngebetes ein genaues Verzeichnis aller traditionellen hebräischen Namen nebst den dazu entsprechendem Bibelversen, damit jeder den mit seinem Namen korrespondierenden Bibelvers mühelos auffinden könne. Manche Gebetbücher enthalten sogar eine Liste der Frauennamen mit den entsprechenden Bibelversen. Im Gegensatz jedoch zur Liste der Männernamen, die ausschließlich hebräisch traditionelle Namen enthält, * werden hier neben den hebräischen auch die fremden nichtjüdischen, aber von den Jüdinnen im Osten getragenen Namen in ihrer überlieferten Form berücksichtigt. Mit verächtlicher Ironie hört man oft von einem Ostjuden, wenn ein Verstorbener bei einer Seelenandacht mit einem fremden nichtjüdischen Namen ohne schem• hakkodesch genannt wird: Der Malach Dumah dürfte ein verdutztes Gesicht gemacht haben, als sich dieser bei ihm vorgestellt hatte; der Malach Dumah hat gewiß lange in seinem Register herumsuchen müssen, so einen Namen dürfte er schwerlich dort gefunden haben. Außer dem national religiösen Gesichtspunkte werden bei der Verleihung der Namen an Neugeborene gewissermaßen auch mystisch kultische Momente wie vorzüglich auch Rücksichten auf verstorbene Ahnen und Verwandte in Betracht gezogen. Nach verbreiteter kabbalistischer Ansicht wird mit dem Namen eines Verstorbenen zugleich ein Stück seiner geistigen und sittlichen Persönlichkeit auf denjenigen übertragen, der dessen Namen bekommt. Ein „Nizuz" d. i. ein Funke aus der nie verlöschenden Seele des Verstorbenen überspringt auf den Neugeborenen und wird hier wieder zur lebendig leuchtenden Flamme. Bekommt somit ein Neugeborener den Namen eines Verstorbenen, dann wird dieser in seinem neuen Namensträger sozusagen wieder lebendig (siehe darüber ausführlicher in Ahron Berachjas Mäabar Jabbok, Abschnitt Siftei Renanot Kapitel 23). Bekanntlich werden im Osten im Grabe, bevor es zugeschüttet wird, einer jeden Leiche kleine Tonscherben auf beide Augen und auf den Mund gelegt. (Vermutlich eine Symbolisierung der Nichtigkeit und der den Tonscherben gleichen Gebrechlichkeit und Hinfälligkeit des Menschen.) Nun erzählt der Volksmund im Osten, daß, sobald ein neugeborenes Kind den Namen eines Verstorbenen erhält, genau in demselben Moment die Tonscherben von dessen Augen und Mund heruntergleiten. Im selben Augenblick somit, in dem ein Heimgegangener einen neuen Träger seines Namens bekommt, werden seine Augen und sein Mund von den sie verschließenden Tonscherben befreit d. h. mit anderen Worten, und das ist der dieser sonderbaren Legende zugrundeliegende innere Sinn, der Tote erwacht und feiert in seinem neuen Namensträger seine Auferstehung und Wiedergeburt. Der schon aus der zweiten Hälfte des Mittelalters stammende Brauch, die Namen der verstorbenen Eltern in der Familie fortzupflanzen (Zunz a.a.O. Seite 24), gewinnt unter dem oben erwähnten Gesichtspunkte, daß mit dem Namen gleichzeitig ein Stück der Persönlichkeit des Verstorbenen wieder lebendig wird, eine ganz besondere Bedeutung. Neben den seelischen Momenten, dem Traum, ein teures durch den Tod entrissenes Wesen im Kreise der Nachkommen wieder