Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 311 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 3" sieren. Während z. B. die Namen Beile, Sprinze, Dresel, Freide, Jütte usw. als gutjüdisch gelten, würden sie bei Wiederherstellung der ursprünglichen Form in Bella, Speranza, Drusilla, Frieda und Jutta als fremd und unjüdisch angesehen werden. Der Unterschied zwischen den Verhältnissen im Westen und im Osten bezüglich der Namen erscheint durch folgende Tatsache am besten beleuchtet: Während z. B. im Mittelalter im Westen jüdische Frauen, und auch Männer, wie wir wissen, sehr viele Namen von der nichtjüdischen Bevölkerung übernommen haben, hat kein einziger autochthoner nichtjüdischer Name im slavischen Osten ins Ghetto Eingang gefunden. Selbst die wenigen aus dem Slawischen gebildeten Namen, wie sie mitunter bei den jüdischen Frauen im Osten vorkommen, wie z. B. Czarny (von „czarna", die Schwarze), „Sluwe" (von „slawa", Ruhm), Dobrisch (von „dobra", die Gute) werden von slawischen Nichtjüdinnen nie als Namen benutzt. Bezeichnend hierfür ist auch der biblische Namen „Mirjam", der im Osten sowohl unter Nichtjüdinnen wie Jüdinnen sehr häufig vorkommt. Während aber Nichtjüdinnen diesen Namen, der Bezeichnung im Neuen Testament entsprechend, ausschließlich als „Maria" führen, würde sich eine fromme Ostjüdin nie Maria nennen, da er in dieser Form als durchaus unjüdisch angesehen würde. Bei der Ostjüdin lautet dieser Name „Marjem", und einzig in dieser Form gilt er als vollgültig jüdisch. Während, wie schon oben erwähnt, der im Osten allgemein übliche nichthebräische, aber in der hergebrachten Form getragene Name als jüdisch gebrauchsfähig und einwandfrei angesehen wird, ist es, jedenfalls beim Manne, ausschließlich der hebräische Name, der als der eigentliche Name, als „schem hakkodesch", des Juden betrachtet und gewertet wird. Ein frommer Ostjude ohne schem hakkodesch ist ganz undenkbar. Dem Ostjuden ist es ganz unbegreiflich, wie ein Jude, als Jude, ohne schem hakkodesch leben könne, und er ist in seiner Seele tief entrüstet, wenn er bei einem „Jiskor" (Seelenandacht) oder sonstiger ähnlicher Gelegenheit einen Juden mit einem profanen Namen ohne schem hakkodesch nennen hört. Trotz seiner Anhänglichkeit an die hergebrachten fremden Namen sieht er doch in ihnen nicht mehr als Rufnamen, die ihm als Erinnerung an liebe verstorbene Personen lieb und wert sind, nie aber bezeichnen solche für ihn die Persönlichkeit des jüdischen Individuums. Dies vermag allein der schem hakkodesch, einzig durch diesen kann das jüdische Individuum als solches bestimmt werden. Mit dem schem hakkodesch präsentiert sich der Jude nicht nur während seines irdischen Lebenswandels, mit diesem Namen allein vermag er sich nach seinem Ableben dem ihn aufsuchenden und ihn über seine Handlungen im Diesseits zur Rechenschaft ziehenden Totenengel, dem im Talmud wie in den kabbalistischen Schriften oft erwähnten „Malach Dumah", vorzustellen. (Traktat „Chibbut Hakkeber", abgedruckt in Elia de Vidas „Reschit Chachmah" sowie in Jellineks Bet ha Midrasch I.) Wehe, wenn er im ersten Schrecken bei dieser traurigen Vorstellung auf die Frage des Totenengels „Mah schmecha?" d.h. wie ist dein Name? seinen schem hakkodesch vergessen haben sollte! Ein solches Vergessen zeugt von einer lockeren und unverläßlichen jüdischen Gesinnung, und furchtbar sind die Strafen, die in der Folge des Unglücklichen harren. Um einem solchen verhängnisvollen Vergessen vorzubeugen, wird in der kabbalistischen Literatur und von dem oben erwähnten „Schluh" ein mnemotechnisches, angeblich sehr probates Mittel empfohlen: jedesmal bei Schluß des Achtzehn-