Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 309 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101157-3104598--3414-3104634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 309 losen im Westen überstandenen Leiden und Verfolgungen nicht wenig dazu bei, um das jüdische religiös-nationale Bewußtsein zu heben, die Widerstandskraft gegen äußere fremde Einflüsse zu stählen und diesen den Zutritt in das Ghetto zu verschließen. Der alte, dem jüdischen Volke innewohnende Sinn, am Alten, von den Vätern Ererbten treu und unentwegt festzuhalten, erfuhr hier noch eine Potenzierung und Vertiefung. Wenn einerseits slavische nichtjüdische Namen, weil fremd und unjüdisch, nie in das ostjüdische Ghetto keinen Eingang finden konnten, erhielten andrerseits hier die aus dem Westen mitgebrachten fremden Namen eine jüdische Marke; wozu auch der Umstand nicht wenig beigetragen hat, daß diese fremden aus dem Westen gebrachten Namen der nichtjüdischen Bevölkerung im Osten überhaupt nicht bekannt waren und auch von ihr als jüdische Namen betrachtet wurden. Auf diese Weise wurden diese fremden Namen im Osten jüdisch. Die Ostjuden hingen an ihnen in Pietät, als an einem von den Ahnen übernommenen Gut. Als vollwertige Namen wurden sie jedoch von den Ostjuden nie anerkannt. Ein „schem hakkodesch", den jeder Jude haben muß, da er sonst als namenlos dastehen würde, konnte solch ein fremder Name nie werden, es sei denn, wenn er ins Hebräische übersetzt werden und in dieser Übersetzung offiziell bei synagogalen und sonstigen religiösen Gelegenheiten figurieren konnte. Die fremden Namen begleiteten immer die traditionell-hebräischen und wurden in vielen Fällen zu diesen auf Grund irgendwelcher Anlehnung an einen Bibelvers in Beziehung gebracht. So z. B. wurden schon im Mittelalter, bezugnehmend auf den Segenspruch Jakobs (Genesis 49) die Tiernamen: Hirsch (=Hersch, Heschel, Herz) hebräisch Zbi mit Naftali, Wolf (= Wölwel, Wowczy) hebräisch Seb mit Benjamin, Leib (=Löbel, Leibel, Leibisch), mit Jehudah verbunden, und so noch heute im Osten. Der Name Ber (Bär) wird oft mit Jehuda verbunden, da in der Bibel (Samuel I 17, 34, 36, 37, Proverbia 28,15) der Bär einige Mal neben dem Löwen genannt wird, und der Löwe das Wahrzeichen und Sinnbild Jehudas ist (Genesis 49). Da beim Aufrufen zur Tora oder bei einer sonstigen religiösen Handlung nach Tunlichkeit die Personen nur bei hebräischen Namen genannt werden, und die Tiernamen alle ins Hebräische übertragbar sind, werden bei offiziellen Gelegenheiten die fremden Tiernamen ausschließlich in ihrer hebräischen Übersetzung angeführt. Die Verbindungen lauten somit Naftali-Zbi, Benjamin-Seb, Jehuda-Arjeh oder Jehuda-Dob. Der Name Seb (Wolf) kommt auch oft in Verbindung mit Mordchai vor, da nach der Tradition (Ester 2,5) Mordchai vom Stamme Benjamin gewesen sein soll, und wie wir schon wissen, korrespondiert der Name Benjamin mit Seb. Da die fremden Namen nur in hebräischer Übersetzung bei synagogalen wie allgemein religiösen offiziellen Gelegenheiten genannt werden, bildete sich im Osten der Brauch, daß ein jeder dieser Tiernamen, aber nur in der hebräischen Übersetzung, auch als selbständiger „schem hakkodesch** auftreten kann. Inwiefern jemand bloß einen Namen hat und zwar einen Tiernamen, den er im gewöhnlichen Leben z. B. als Wolf, Leib usw. führt, so lautet dann sein eigentlicher Name Seb bezw. Arjeh, die allein offiziell in der Synagoge usw. in Anwendung kommen. Es kommt'eben in erster Linie darauf an, daß der Name hebräisch laute. Eigentümlich ist es mit dem aus der Rüstkammer der heidnischen Mythologie stammenden, schon seit dem Mittelalter in Gebrauch stehenden Namen Feiwisch (Phöbus), der eine merkwürdige Ausnahme bildet. Da Phöbus das Symbol des Lichtes ist, so lautet er als „schem hakkodesch1':