Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die revolutionäre Jugend des Ostens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 302 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Arnold Zweig: Dort ist das wahre Leben, hier sein Phantom, dort ist Kraft, Mut und großer Horizont, hier eine Sackgasse deren Gosse stinkt. Jugend geht hinaus und jauchzt; bei jedem Besuch in der Stadt der Kindheit erscheint ihr diese Stadt ärmlicher und komischer — und ehe sie rührend und heilig werden kann, ist sie vergessen, oder Jugend ist nicht mehr jung und anderswo festgebannt. Nun aber ist die Stadt der Kindheit der einzige Ort, wo der Jude sein heimatfrohes, heimatsuchendes Herz anheften kann, und die Flucht aus der Umwelt, oft so jugendlich prinzipiell empfunden, wird zur Flucht in die fremde, großstädtische, vereinzelnde Entjudung, So treiben alle Triebe der Abstoßung ganze Jugenden aus dem Judentum. Ihre positiven Kräfte drängen sie, wenn nicht ganz besondere wissenschaftliche oder künstlerische Gaben den Menschen völlig aufsaugend ihm nichts lassen als ihre Ausbildung, zum Sozialismus. Jugend, gute Jugend muß verehren oder sie kann nicht sein; und welch ein Glück, wenn es in der Zeit Männer und Frauen gibt, deren leuchtende Tapferkeit, deren Hingabe und Opfermut, deren Hilfsbereitschaft und echte Kameradschaft ein Vorbild, Antrieb, Ziel ist, das zu erreichen lohntl Jüdische Jugend aber kann Größe und Heldentum nicht im Dienste der Gewalt und der Eroberung, des Krieges und der Zerstörung sehen, sondern im Dienste der Idee und der Befreiung, des Aufbaus und der Menschlichkeit. Und darum wirken viel stärker als die uniformierten Soldatenhelden des Westens, als die Eroberer und Länderentdecker, deren Folgen Sklaverei, Mord, Raubgier, Frevel jeder Art waren, stärker auch als die historischen, schon schemenhaften, unempfindbaren Makkabäer und als die Märtyrer und passiven Heroen des Judentums, deren Ideologie man in sich nicht mehr nachtasten kann — darum wirken viel stärker die Revolutionäre des langen Kampfes um die Menschenrechte und das menschenwürdige Leben auf der Erde, die ihren Kampf in Rußland fochten. All die Ermordeten, in Gefängnissen Verschollenen, die Verbannten und Geflohenen, all die Täter ihrer Taten mit Wort und Waffe. Und wenn ein Mädchen mit stillem und reinem Gesicht, mit hochgebauter Stirn und breiter Schläfe, mit verschwiegenem Munde und gradem Nacken all die Bilder der sozialistischen Studentinnen sah, die stillen und reinen Gesichter, hochgebauten Stirnen und verschwiegenen Münder — sollte in ihrem Herzen dann nicht der Entschluß entbrennen: so zu leben gelobe auch ich — das zu sein vermag ich auch! Beispiele werden Nachfolge der Jugend wecken, wo immer Jugend reinen unbedingten Willens ist, und viel tiefer können Völker nicht sinken als jene, deren Söhne und Töchter sich, instinktlos für den Dienst der Jugend an der Erneuerung, zur Erhaltung des Bestehenden, zur Unterstützung der Macht zusammentun. Ein brennendes Recht fließt durch das Herz der Jugend, guter Jugend. Die fürchterliche Ungerechtigkeit des entgötterten Lebens moderner Zeit gutzuheißen, auszunutzen: viel tiefer vermöchte ein Volk nicht zu sinken. Und so fällt die jüdische Jugend in den Schrei nach Gerechtigkeit des Lebens ein, der Sozialismus heißt, und will alles, will sich daran setzen, ihm Erfüllung zu wirken. Die Natur sei ihrer Idee nach wider-gerecht? Um so heftiger hat, als Ausgleich, Menschheit ihre Idee der Gerechtigkeit durchzusetzen! Art des Menschen sei, daß der Starke den Schwachen knechte? Um so tiefer die Pflicht des Menschen, dem Schwachen beizuspringen! Wer bin ich, daß ich mehr besitzen sollte als du? Teilen wir; mehr als man bedarf, braucht keiner, und wie reich ist diese Erde