Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die revolutionäre Jugend des Ostens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 303 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101157-3104597--3407-3104628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
»-F^^^^t^wi- - ' "■" .^v^v..^'- 5t!!tV{ ■ Die revolutionäre Jugend des Ostens bei gerechter Teilung, wie wenig braucht der Mensch, um froh zu leben! Fast unnachlebbar scheint dem Nichtjuden jene Wesenheit und Eigenart „Gerechtigkeit* V.die den Juden zu überwältigen vermag — jenem, der den kalten, dürren, eifersüchtig wägenden Römerbegriff im Blute hat. Die Wärme, die von ihr ausstrahlt, die Flamme, mit der sie den Juden durchsetzt, der in ihr die Regulative des Lebens überhaupt sieht, die große Vision der sich selbst ordnenden, schlichtenden Welt — all das schlägt in jüdischer Jugend hoch, wenn sie Sozialismus will. Und all die anderen bejahenden Kräfte in guter Jugend: sie alle münden für den Juden, der sie auf besondere Art, auf jüdische Art erlebt, im Sozialismus. Da ist der Trieb zu Kameradschaft, zu Nächstenhilfe; er, von Juden geübt seit sie auf Erden wandern, er, ohne den die Juden längst nicht mehr da wären, rindet sein nahes Ziel am Mitkämpfer, sein fernstes und beschwingendes in der entrechteten Schar der Menschen. Da ist der Kampftrieb der Jugend; er, von den Juden in Geist umgesetzt, wird gegen das größte Ungeheuer, den autokratischen Kapitalismus gerichtet, einen Gegner, den es zu bekämpfen lohnt; der Tattrieb der Jugend, die sich einsetzen muß gegen den Widerstand und für Verwirklichung, die nur im Vollziehen wirklich lebt; und der Schöpfungstrieb, der die Jugend selber ist: der Anfang eines Seins, der wirkliche Beginn, das Werk des Geistes und der Hände in die Fakta des Lebens einzubilden. Seht hier den jungen Juden langer Schulung und aus bürgerlichem Haus, seht die gesenkten Schultern der schmalen Gestalt, die klugen Augen über dem listigen Mund; seht, in den Umriß gebannt, die Schwäche und den unbrechbaren Mut, das Linkische des Gehens und den denkenden Trotz; er trägt noch die Mütze des Gymnasiasten und die Bücher unter dem Arm, aber er ist schon Sozialist So wird er auf euren Universitäten, scheel angesehen, sein Wissen stärken, in euren Versammlungen auftreten und schon mit seinem Namen, erst recht mit seinen Worten eure trübsten Instinkte aufreizen, er wird euren Arbeitern sagen was zu tun ist, und was zu tun ist — es sei richtig oder falsch: er wird es ganz tun; und so wird er vor euren Standgerichten stehnundvon euren Soldaten, die nie wissen, was sie tun, getötet werden. Oder er wird siegen. Denn sein innerstes Wesen bejaht er, wenn er Sozialist ist. Nur ein Jude kann die Weite des Abfalls ermessen, den der kapitalistische Mensch getan hat. Ein Volk, geboren im Proletariat des pharaonischen Absolutismus und gepreßt, bis ihm Gerechtigkeit zum innersten Kern wurde; herausgeführt durch den Geist eines Gesetzgebers, in den Gott selbst die Urwerte der Menschlichkeit hämmerte, und auf Jahrtausende beherrscht von seiner Urgestalt; ausgebreitet im schönen und zugesprochenen Lande nach gerechter Ordnung, und aus dem menschlich eingeborenen Abfall zu Ichsucht und Machtlust immer wieder zurechtgejagt von Profeten, Gottes herrlichen Schäferhunden; ein Volk, das mehr als einmal den reinen, vergeisteten, liebenden Menschen gebar, um die Welt einzurenken, und das ihn nicht zu halten vermochte, nach Menschenart versagend dem Genie der reinen Gemeinschaft und der Liebe gegenüber, den Anderen nur als eingeborener Sohn Gottes begreifbar, so unmenschlich erschien ihnen diese Reinheit ... ein Volk, vom Römer zertreten, von tausend großen und kleinen Gewalttätern bis zum Äußersten gepeinigt — denn wer war so schwach, am Juden nicht Gewalt üben zu können? — ein Volk, dies Volk, noch immer da, noch immer jung, treibend wie am ersten Tage: es sollte nicht im Übel, das es jagte,