Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die revolutionäre Jugend des Ostens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 301 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die revolutionäre Jugend des Ostens 30t ihnen; der Hals hebt den schweren, zweifelumtanzten Kopf, damit er in die Ferne sehe und den neuen Glauben erblicke, den der Mund, weich und sehnend, zu schlürfen bereit ist; aber das, was man dicht um sie zu glauben behauptet oder wofür man Glauben verlangt, Andacht, Verehrung, was Verbindung mit dem Wesen der Welt und des Lebens zu sein vorgibt 1— das ist ihr eine lästig klingelnde Schelle. Die Jugend muß Gott dienen, indem sie sich einen neuen Gott gebiert, der wahr ist; sie muß, durch boshaften Zweifel und durch kernhaftes Verwerfen, jeder Art von Nachschwätzerei bei sich Einhalt tun; sie muß mit Gott, um Gott ringen. Bei dem „Gotte der Väter" sich zu beruhigen — furchtbare, tragische Verwirrung, Jugend dazu anzuhaltenl Denn der Gott der Jugend hat ein verhülltes Antlitz, und wenn sie gelernt hat, sich dies Antlitz vorzustellen — ist die Jugend dahin. Der Gott der Väter aber, die Religion des offenbaren Judentums, ist nun einmal Form und Grenze des jüdischen Seins gegen die nichtjüdische Welt; und indem die Jugend diese Grenze nicht mehr achtet, atheistisch wie sie sich fühlt: wirft sie sich ins anwankende Nichtjüdische, dieses Meer der Zeit, wie eine gelöste, erlöste Erdscholle von schwindender Hallig. Jugend, gute Jugend haßt das Geld. Sie sieht, daß die Alten nicht geworden wären, was sie sind, wenn nicht Geld, Besitz, Erwerb, Ertrag die einzigen Waffen im unmenschlichen Kriege der judenfeindlichen und kapitalistischen, landlosen und entrechteten Gegenwart wären, die einzigen, die man ihnen erlaubte und aufzwang, die einzigen, die man überallhin mitnehmen konnte, wenn man durch Gewalt oder Boykott, Verordnung oder Krieg vertrieben wurde — Dämonen, hilfreich, aber grausam zinsend, die ihre Seelen verdunsten machten und nur einen Rückstand, kraß und steif, gelassen hatten, den Automaten, den Golem, den kapitalbesessenen Bourgeois. Sie haßt es, ja, aber sie verachtet es noch mehr und verachtet fürchterlich seine Sklaven, unselige Zeugung des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Leben, welches im „Verdienen" aufgeht: das heißt, ein Mittedes Lebens zu seinem Zwecke machen, und mit welcher Ausschließlichkeit! Zittern um Verdienst? Bitten, danken, sich sorgen um Verdienst? Im Schlafe noch rechnen, im Wachen jeden Augenblick vom Dienste der furchtbaren Maschine beansprucht werden können, die „Wirtschaft" heißt? Keine echte Muße, keine ungekaufte Freude achten; die Natur als Geschäftsgegenstand (Rohprodukt), den Menschen als Lebensmittel (Arbeitskraft) sehen; im wirtschaftsfremden Künstler, im wesensehenden, kritisch den Ungeist zerfetzenden Dichter harmlos-komische Zigeuner erblicken, und Achtung nur nach Geldbesitz und Ehrenstellung in dieser Welt des Geldbesitzes bemessen — was wäre eine Jugend, die dagegen nicht anspränge! Aber das Geld ist nun einmal die einzige Waffe und die einzige Kraft des in diese Gegenwart gestellten bürgerlichen Juden; es ist ihm der einzige Weg, um seine politische Lebenslage zu sichern, und indem die Jugend mit allen Waffen gegen das Geld anging, bedrohte sie die Grundlage der augenblicklichen jüdischen bürgerlichen Existenz. Und ganz breit und schroff lehnt Jugend, gute Jugend das Milieu ab, in dem sie aufwuchs. Diese Menschen mit ihren beschränkten Gedanken, von denen man stets dieselben Worte hört, dieselben Betonungen — wie lächerlich sind sie, wie aufreizend dumm schon ihr Gang! Diese Straßen, wie ekelhaft dagewesen, diese Kaffeehäuser wie stumpfsinnig, diese Gärten wie 'abgelebt und überfüllt von elenden Leuten; diese Umgebung wie fade! Eine Sehnsucht ohne Grenzen ruft: hinaus! Ins freie, weite, breite Unbekannte, frisch Erschaffene!