Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die revolutionäre Jugend des Ostens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 300 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Arnold Zweig: wovon sie weg wollen. Ein Ekel ohne Maß schüttelt sie bei der Vorstellung, sie könnten so werden wie diese, die sie, Grauen, erzeugt haben; kalt, fremd und gehässig wenden Töchter ihre Gesichter von der Existenz der Mutter weg, deren Physis sie nicht mehr ertragen können; vollends wenn sie ihre eigene Zukunft in ihr zu erblicken fürchten. Fprt, nur fort! Besser im Unbekannten schlimm enden, als in diesem elenden Bekannten erträglich bestehn. Darum ist ihnen Fremdes schon wertbetont, erinnert es sie doch nicht an das zu Hause. Söhne spüren das, wenn möglich, noch wilder. Arbeit und Erholung, Verkehr und Lebensform, Geselligkeit und Einsamkeit der Kinder haben ihren eigenen Rhythmus; sie müssen ihn, weil Kompromiß dem Wesen der Jugend ins Gesicht schlägt, gegen den der Eltern durchzusetzen versuchen. Je weniger Sitte und wirtschaftliche Lage Trennungen gestatten, um so wilder wird die Erbitterung. Die Arbeit der Eltern erscheint der Jugend als Schacher, ihre Erholung als tötende Zerstreuung, die Menschen ihres Verkehrs als unerträgliche Spießer, ihre Lebensformen als entsetzliche Heuchelei, ihre Geselligkeit als Klatsch und Lärm und albernes Kartenspiel oder, wenn Natur- und Kunstgenüsse in Sabbathspaziergang und Theaterbesuch vorgegeben; werden, als ekelhafte Entweihung mißbrauchter Heiligtümer. Vor allem rebelliert die Jugend gegen den beständigen Zwang, in Gesellschaft mit Ungewollten aufzutreten, sich familiär mißbraucht zu sehn. Ein Mensch, der nicht einsam zu sein vermag, der nicht je und je den Zwang hat, mit sich allein zu sein, ist für den jungen Menschen weniger achtbar als ein Tisch oder eine Schwelle. Unter diese geleugneten, gehaßten Entwertungen familiären Seins fällt auch das Jüdischsein — ein Fluidum, eine Gesinnung und eine Sitte, abgesehen vom Kultlichen und Religiösen. Jüdisch ist Sabbath, jüdisch sind Feiertage und Speisen; Sprache, Bücher, Ahnen; Vorzugsgesetze, nach denen gewertet und Instinkte, nach denen bejaht und verneint wird; jüdisch sind Witze und Gesten, Sprachfehler und Körperformen, individuelle Gebrechen und moralische Vorurteile: alles ist jüdisch oder „jüdisch4*, die Familie ist die einzige wirkliche Erscheinungsform des Nationalen, die Volksart Erscheinungsform des Menschseins: und indem diese Familie nun von der vollen Wucht jugendlicher Verwerfung getroffen wird, wird auch, nur bei Juden, die zentrale Ader des Volksseins getroffen: Menschsein, nichts weiter, ist die Parole nationaler Verblutung; und dort, wo man einsieht, daß man Mensch nicht sein könne anders als indem man die Volkheit dafür als einziges Mittel zugibt, wählt man das weite, herrliche, menschliche und ganz lebendige Russentum. Mädchen, Tochter, die du deine Locken schüttelst und dein geschlossenes Profil, kühle Augen, vibrierende Nase, stolz schmalen Mund und zuverlässiges Kinn dem andern Volkstum zuträgst, ohne zu wissen, was du da verschenkst, — du weißt auch nicht, wie jüdisch du handelst. . . Jugend, gute Jugend verwirft auch die gelehrte Religion in einer instinkt- und erfurchtlosen Zeit. Sie weiß nämlich: wenn nur das Religion sein sollte, was sich in Tempeln und gemurmelten Gebeten zuträgt, in Gesetzen und Riten steht, dann ist sie tot, und wenn nur das Gott ist, was so verehrt werden will, dann ist er dreimal tot. Nietzsches Botschaft vom Tode Gottes wird besser verstanden, ist besser gehört als des Arnos Botschaft von Gottes Willen. Westjüdische Soldaten haben in ostjüdischen Großstädten der aufgeklärten Jugend Psalmen und Propheten erstmalig lebendig machen müssen .. . Die Seele der Jugend ist sehnsüchtig nach Verehrung und Geist; ihre Augen, groß geweitet, spähen nach