Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die revolutionäre Jugend des Ostens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 299 (sequence 4)
- Language
- German
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Die revolutionäre Jugend des Ostens 299 Alle Kräfte, die diese Jugend zur Revolution treiben, wirken zentrifugal aus dem Judentum schleudernd. Dies ist lediglich und ausschließlich die Folge unseres landlosen, bodenlosen Seins. Die Revolution der Russen verändert das Russentum, aber sie hebt es nicht auf; revolutionierte deutsche Jugend, wenn es das gäbe, gibt dem deutschen Wesen einen neuen Durchbruch; beide mögen so international, besser kosmopolitisch gerichtet sein, wie sie wollen, sie tragen die Volksfarbe ihres Seins, noch im schnellsten Vorstoß in die Zukunft. Jüdische Jugend aber, die international revolutioniert, geht — es gibt Ausnahmen davon — bald als Judenvolk unter; diese Kräfte wirken nicht auf die eigenen Zustände, sondern, im Wollen ins Allgemeine zu wirken, auf fremde; der Effekt ist antijüdisch. Es sind Kräfte, die im Wesen der Jugend selbst wachsen, die es überall gibt; nur bei uns aber haben sie diese volkszerstörende, den jüdischen Geist verarmende Nebenwirkung. Dies ist eine Feststellung und kein Vorwurf. Verworfen wird die unvergleichlich benachteiligte Lage des Judentums, nicht eine Jugend, die keine Wahl hat und die ihren Antrieben folgen muß. Nehmen wir ein Mädchen gebildeten Standes, dessen Gesicht den durchschnittlichen Typus, die Vitalität des Volkes aufs stärkste ausdrückt; kein Zug ihres Gesichts sei von einem individuellen Schicksal geprägt, dafür seien alle Merkmale deutlichst da, die ihm die nationale Zugehörigkeit aufstempeln. So sei auch ihr Geist beschaffen, Temperament, Wille, Empfindung; sie sei eine Potenzierung ihrer Großmutter ins Typische. Ein solches Mädchen, deutscher oder russischer Volkszugehörigkeit und einer revolutionären Generation eingegliedert, wird den stärksten Faktor nationalen Fortbestandes darstellen, den es gibt: es vertritt das Volkstum vor der Zukunft. Ein jüdisches Mädchen dieser Art nun, im Osten geboren, hat alle Aussicht, dem lettischen, russischen, ukrainischen oder polnischen Volkstum ihre jüdischen Tugenden zuzubringen, indem es sich der revolutionären Sache hingibt. Dies ist die Lage des jüdischen Volkes — eines Volkes, von dessen Bestehen schließlich mehr abhängt als von der Existenz des Polentums oder des lettischen Geistes. Es verarmt dabei um die besten Früchte seines edlen Samens. Weil die revolutionären Instinkte der jüdischen Jugend keinen Gegenhalt an der sonst naturgegebenen Tatsache volklicher Abgeschlossenheit finden, weil das jüdische Volk nur blutgemäße und keine geographischen Grenzen hat, weil es seine Revolution nur mitbegriffen, stillschweigend gleichsam, nicht klar erkennbar gegen die Laster und Sünden am eigenen Volkstum richten kann, darum zeugt sie im Westen außer Anfängen zur Umkehr so giftige erbitterte Nebenprodukte, so wilden bürgerlichen Antisemitismus. Nur jene Revolution aber ist wahrhaft legitimiert, die wie ein Mensch ist, der an seine eigene Brust schlägt und seine eigene Schuld ausruft. Die unmittelbare Ablehnung der Jugend gilt dem Hause der Eltern, gilt der Familie. Das ist tief berechtigt in Zeiten geistiger Erneuung, wenn die ältere Generation, unwissend darüber, daß ihre Haltung geistig starr ist, daß sie, trotz der edlen Wahrhaftigkeit vieler Individuen, als Generation zu den Rechten und Pflichten der Menschen auf der Erde nicht mehr in lebendiger Hingabe, sondern in traditioneller, kategorischer Regelhaftigkeit sich verhält, den Kindern ihre Lebensform aufdrängen will. Selbst wenn diese Kinder noch nicht genau wissen, wohin sie wollen — mit unwiderstehlicher Deutlichkeit wissen sie dafür,