Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die revolutionäre Jugend des Ostens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 298 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101157-3104597--3402-3104623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
298 Arnold Zweig: Volke, bejaht und ausgenutzt, im Russischen Reiche verneint und bekämpft Die Ideale der menschlichen Freiheit und Mitbestimmung beherrschen die Schüler der höheren Schulen und sind die zentralen Probleme der Studenten. Lernen, wo der Geist unterjocht und verfolgt wird? Nur den Beruf vor sich haben, indes das Volk aufgeregt und von allen Dämonen der Selbsthilfe und Nächstenhilfe gerüttelt wird? Das wäre, das ist keine Jugend, die das vermöchte. Hinzu kommt die sachliche Solidarität des proletarisierten Volkes, deren Mund, Geist und Blut der russische Intelligent ist, mit den unterdrückten, eingepferchten und bedrohten Randvölkern, Fremdvölkern des Reiches, die in der genau gleichen Lage der Entrechtung leiden, und die sachliche Solidarität des Bürgertums mit dem Volke gegen das System — Kampfgemeinschaft bis zum Sturz des Systems, offener Gegensatz erst nach diesem. Deshalb ist die lächelnde und gepflegte Tochter des jüdischen Bürgertums, trotz ihres sanften Antlitzes und ihres milden Blickes die Kampfgefährtin des Arbeiters. Hinter der Stirn, bekränzt von reichem, geschmücktem Haar, arbeiten die Gedanken und das Vorbild Tolstois. Und so sausten die Peitschen der Kosaken, die die revolutionären Mengen zerstreuen, in allen Städten des russischen Westens auch über die Rücken und Köpfe der Schüler, gingen ihre Pferde auch gegen sie an, und die Polizeigefängnisse füllten sich mit „Gymnasistkes" wie mit Arbeitern. (Die Mädchen nämlich unterschieden sich im Schulsystem nicht von den Knaben, es gab nur „Jugend"). Noch in der Erinnerung an jene Tage, 1905 und 1906, kommt Glanz und Trotz in die Augen, und in dem gelähmten okkupierten Gebiet ist unter der starren Oberfläche jeder Stoß der Revolution von 1917 an in den Herzen der Jugend mit am Werke. Damals freilich, nach der blutigen Erdrosselung der Aufstände, brach eine Woge der Verzweiflung über diese Jugend herein, die schwer beschreiblich ist. Da das System trotz des verlorenen Japankrieges noch die Macht hatte, der Volksbewegung Herr zu werden — war es nicht unabschüttelbar? So schien es, das Leben hatte keinen Wert mehr; Streben, Wollen, Hoffen, alles was nach vorwärts wies, schien abgehackt; Aufopferung, Mut, Wille zur Tat schienen sinnlos. Nie gaben sich aus den unscheinbarsten Anlässen junge Männer leichter den Tod; und in die Überlebenden fuhr in jenen Jahren 1907 und 1908 der Geist des apr&s nous le deluge. Nur der Genuß der Gegenwart schien noch Sinn zu haben; Betäubung zu trinken aus allen Bechern war das Einzige, was einer Jugend blieb, deren Ideale zerrannen. Von allen Antrieben, die Jugend leiten, schien einzig der nach Schönheit des Seins, nach Zärtlichkeit und körperlicher Nähe nicht gebrochen; dafür nahm er in der Schwüle so bedrängter, wild vernichteter Hoffnung die irresten Wege. Aus den geheimen politischen Vereinen und Zirkeln der Schüler und Schülerinnen wurden „Ligen der freien Liebe", in denen Wein und Branntwein während echter verzweifelter Gespräche auf dem Tische standen und in denen das Licht verlöscht wurde. Mit vollen Segeln fuhr die bis zum Grunde enttäuschte Jugend in den Rausch der Selbstzerstörung; der Roman „Ssanin", ein gewöhnliches und im Westen mit Recht echoloses Buch, schilderte diese Stimmung: in ihm erkannte sich die Jugend und besann sich; das gab ihm seinen russischen. Erfolg. Denn wenn auf die gipfelnde Woge der Enttäuschung irgend etwas folgen konnte, so nur die langsam anflutende Hoffnung und der unbeirrbare Entschluß zu neuem Versuche. In diesem Augenblick schon hatte die Revolution gesiegt: ihre Echtheit, gespeist aus dem unbrechbaren Willen der Menschen, menschwürdig zu leben, hatte sie gerettet.