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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 297

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Die revolutionäre Jugend des Ostens
Date
1919-01-01
Page
297 (sequence 2)
Language
German
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Die revolutionäre Jugend des Ostens 297 Dumpfheit eines Volkes. Dieses kindliche Hals trägt keinen skeptischen Kopf, dieses Kinn verspricht eine fruchtbare Trägheit des kleinen Schädels; dieser Mund, eifrig gewölbt, sucht keine leugnenden Worte und keine neuen Evangelien. Der Arm, der so müßig auf dem Tische liegt, ist noch in seiner Muße ein ungeduldig tätiger Arm, der lieber kneten, fegen, Kinder halten will, und die Hand ist grob und kräftig, ungelenk beim Schreiben, gelenkig und vergnügt beim Feueranzünden und Wasserschöpfen. Vermutlich* ist der Verstand dieses Mädchens wacher, rascher, verbindungsfähiger als der von Mädchen gleicher Art und Klasse in andern Völkern; aber das ist nur ein nationaler Unterschied und keine Gefahr. Wäre es wünschenswert, Bedrohung überhaupt zu beseitigen, den jüdischen Genius zu verdumpfen und zu sichern? Niemals. Gefährdeter als dieses Volk ist kein anderes in seinem Bestände, aber Völker haben keine Rückwege, und im Wachstum der Gefahr ist auch Wachstum des Heils. Die Gefahr beginnt bei der Jugend, vor der die Reiche der Welt ausgebreitet werden. Eine Jugendbewegung nach Weise der deutschen gibt es im Osten bei den Juden nicht. Die deutsche muß man rufen und fördern, ihre edlen Ziele sind ohne Gefahr, sie öffnet Quellen des deutschen Menschen, erneut den Geist und mündet mit Selbstverständlichkeit im Deutschtum. Die beste deutsche Jugend will aus der bürgerlichen Verbannung den deutschen Menschen erlösen, sie führt ins edelste Volkstum hinein. Die stärkste Bewegung der ostjüdischen Jugend hat ungleich ernstere Namen afe „Jugendbewegung". Sie heißt Sozialismus, Revolution. Sie verneint das Volkstum der Juden, führt von ihm fort und zwar bewußt und trotzig; sie führt von jedem besonderen Sein ab in die allgemeine Form des russischen Menschen. So hat sie für den Ostjuden noch einen Namen, der auch den westlichen Juden vertraut ist: Assimilation. Aber wenn im Westen die Assimilation verwaschen, bürgerlich, halb und „liberal" ist, wenn die assimilierten Kreise der Jugend sich Ausnahmen verschwiegen — durch die breiteste Unbedeutendheit und gänzlich ideallose, pragmatische und schwächliche Phraseologie auszeichnen, wenn sie der merkwürdigste Verein von Leere und Geschwollenheit ist, dem sich nur der breite Durchschnitt ergibt — so ist im Osten, noch einmal, die Assimilation revolutionär, tatbereit, radikal und von den wertvollsten und kräftigsten Typen getragen. An der westlichen Assimilation verarmt der jüdische Geist Weniger; an der östlichen verarmt das Judentum. Alle Gegensätze, die Jugend an sich erleben kann, münden in ein und dieselbe Richtung, alle Triebe, die Jugend in sich wirksam fühlt, treiben zu dem gleichen Ziel. Dem Westmenschen unvorstellbar ist zunächst der Grad von Anteilnahme der Jugend am politischen Sein der Allgemeinheit überhaupt; geht man doch hier davon aus, daß die Jugend lernen solle und sich um Politik nicht zu kümmern habe. Sehr schön, wenn ein Land politisch so stagniert wie das ehemalige deutsche Kaiserreich, in welchem alle wahrhaft politischen Entschlüsse von einem Scheinparlament nur glossiert, nie in ihm aufflammend, durch Verfügung von Behörden zustande kommen, und in welchem, außer den revolutionären Parteien, das Volk diesen Zustand gutheißt, da es von Politik in seinen Geschäften nur gestört würde, im übrigen sich aber mit träger Parteizugehörigkeit begnügt und keinerlei Ideale des Gemeinwesens in seinem Herzen zünden. In Deutschland wurde der Obrigkeitsstaat von seinem Objekt, dem

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