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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 295

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Verzweiflung und Besinnung
Date
1919-01-01
Page
295 (sequence 7)
Language
German
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Verzweiflung und Besinnung 295 gegen den Eigennutz des Einzelnen, gegen Europa und sein System. Zum ersten Male vielleicht in der neuzeitlichen Geschichte triumphiert durch die Verwirklichung des Zionismus der antihistorische, der „utopische" Geist des Menschen über die klaren geschichtlichen Entwicklungstendenzen und die materielle Wirklichkeit, das Bewußtsein über das Sein und ist seine Versklavung durch die sogenannten Realitäten überwunden. Der Zionismus ist nicht der Weg zur Erlösung des jüdischen Volkes für dieses selbst, sondern der Weg zur Erlösung der Menschheit durch das jüdische Volk. Um nichts weniger. Sein Ziel ist das Neuwerden eines Volkes, die Errichtung einer Menschengemeinschaft von Grund aus, ab ovo. Der äußere Rahmen: Boden und rechtliche Stellung der palästinensischen Siedlung und einiges andere ist gegeben oder nicht allein von uns abhängig. Aber allein wichtig und entscheidend für das Wesen dieser neuen menschlichen Gemeinschaft ist der innere Aufbau, dessen Ordnung und Schema in unserer Seele vorgezeichnet ist und — fern vom System Europas — auch rein, ,wie es gedacht und gefühlt wird, verwirklicht werden kann. Ob es verwirklicht werden wird und ob es verwirklicht bleiben wird, hängt einzig von uns selbst, von der Intensität unseres Wollens und unserer Leidenschaft ab. Wir werden vielleicht in vielem in die Irre gehen, aber wir werden nicht mit unbedingter Notwendigkeit in den Sumpf geraten wie in Europa; wir werden vielleicht in vielem der Wirkung der europäischen Schwerkraft unterliegen, aber das Fundament unserer andersgearteten Welt werden wir uns rein und unabhängig erhalten können; die europäische Umkehr: die Verwandlung des Guten in das Böse, der Mißbrauch des Geistes durch sich selbst, der Verrat der Idee durch ihre mit ihr zur Macht gelangten Träger, die Abkehr von der Seele zur Gewalt, wird vielleicht das Schicksal vieler von uns sein, aber unsere großen, unsere führenden Menschen werden hinfort nicht mehr sie, sondern diejenigen sein, welche die asiatische, die religiöse Umkehr erlebten: die große Besinnung zum Ewigen, zum Menschlichen und zum Göttlichen, die Abkehr vom Vergänglichen, vom Animalischen und von dem Satan der Machtgier. Und wir haben für unsere schwere und gewaltige Aufgabe einen Wegführer und Helfer: die Urzeit unseres Volkes, in der — Europa sieht es in seiner Sehnsucht immer tiefer ein — einiges schon verwirklicht war, dessen neues Lebendigwerden wir jetzt erstreben. Und noch eins kommt hinzu: ich glaube, daß keine anderen Menschen als die jüdischen so viel innere Anlage, so viel eigenem Schicksal entstammende innere Berechtigung zu dem Werke haben, das nicht durch die ihm fremde Macht der Gewalt, sondern durch sein Beispiel: sein Da-Sein, nicht durch die Worte und Taten des mißbrauchten Geistes, sondern durch das vorgelebte Leben reiner Seelen und ihren als Opfer dargebrachten Tod die Völker bewegen soll. Kein Mensch hat so wie der Jude alles verloren und alles zu gewinnen und ist darum auch zu allem, zum Höchsten wie zum Schlimmsten, so bereit und fähig. Wir haben seit den Jahrhunderten der Zerstreuung Leben und Sterben, Heimat und Sprache; seit den Jahrzehnten des Verfalls Gott und Volk, Halt und Würde, Geist und Natur, unsere eigene Seele und die Seele der Fremde verloren. Arm und fremd, entblößt und ausgestoßen, unwirklich und unstet irren wir und wissen nicht, wohin. Wir haben keinen Tag, in dessen Licht wir bestehen, und keine Nacht, in deren Dunkel wir uns verbergen könnten; in ewiger Dämmerung, nicht!eben und nicht sterben könnend, ringt der Jude, ein ungeheuer glühender Schatten

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