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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 296

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Verzweiflung und Besinnung
Date
1919-01-01
Page
296 (sequence 8)
Language
German
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296 Arnold Zweig: Die revolutionäre Jugend des Ostens am Horizont Europas, die Hände nach seinem unendlichen, unbegreifbaren Gott, dem göttlichsten Gott unter allen Göttern, und suchen seine Füße die Erde, diese europäische, ihm in seinem Innersten fremde Erde, die endlichste und begreifbarste aller Erden. Alles, alles hat der Jude verloren und alles, alles zu gewinnen. Die anderen können nichts mehr gewinnen als immer wieder Europa, diese Hure eines wüsten Gottes nach dem tiefen griechischen Mythos; der Jude hat ein neues Leben, „eine neue Erde und einen neuen Himmel" zu gewinnen, wie ihm seit alter Zeit verheißen ist. Noch ist er nur dunkler Umriß im Morgengrauen seiner Zukunft und im Abenddämmern der europäischen Gegenwart, aber schon fiel ein Strahl, ein Licht über ihn, das langsam wächst. Es kam nicht aus der Höhe und nicht aus der Tiefe, aus seiner Mitte brach es hervor, aus seinem zeitlos glühenden und blutenden Herzen, in dem die Glut und das Blut, die es «zerbrechen und zersprengen, bis zum Rande schwollen. Ein erster Strahl und ein erstes Licht — wir aber, die Ersten und frühen Boten, stehen bereits in Flammen. Und wir sehen schon die Zeit, da das ganze Judentum, dessen Seele nicht längst im Schmutz verlosch, brennt, und weiter, da Europa brennt, die Erde brennt, der Himmel brennt, die ganze Welt in Flammen steht. Wir schauen und wissen nicht, wie dieses neue Judentum, diese neue Erde und dieser neue Himmel sein wird. Wir schauen. Wir brennen und wissen nicht, wie wir uns bewahren könnten und wann wir erlöschen müssen. Wir brennen. Prag Albrecht Hellmann DIE REVOLUTIONÄRE JUGEND DES OSTENS*) In dem Augenblick, wo sich die höhere Schule öffnet, beginnt das nicht mehr individuelle, beginnt das prinzipielle Problem der ostjüdischen Jugend. Nicht die Schule im allgemeinen ist die Schwelle, von der hier geschrieben wird. Wohl ist die Schule eine Schwelle. Die des Lesens kundigen Augen sehen eine Welt mehr als die unkundigen. Die schreibende Hand ist eine andere als die nicht schreibende. Nicht als ob hier der törichte Unfug mitgemacht werde, eines Landes Kultur nach der Zahl seiner Analphabeten höher oder niedriger zu schätzen. Menschtum ist alles; und die Zeit ist so fortgeschritten, daß Kultur, Seele, hilfreiche Gesinnung bei Analphabeten eher walten als bei den Belehrten des fortgeschrittenen Kapitalismus, der wissenschaftlichen Kriegführung und der beseligenden Zentralisation. Aber von zufälligen Gestaltungen abgesehen und hingesehen auf die realen Erscheinungen, zeigt sich die schreibende Hand des Menschen als mit dem Schlüssel zu allen Geisterreichen bewaffnet, zu Vergangenheit und Zukunft. Nicht mehr hilflos ist der Mensch, der sich mitteilen kann . . . Aber die allgemeine Schule des jüdischen Volkes stellt nicht das Problem, von dem, als dem dringendsten und sehr verschlungenen, hier die Rede sein muß. Um dieses schreibende Mädchen ist die ganze behütende *) Aus dem bald im Weltverlag erscheinenden Buch „Das ostjüdische Antlitz", einem Texte zu 50 neuen Lithographien von Hermann Struck.

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