Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Verzweiflung und Besinnung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 294 (sequence 6)
- Language
- German
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294 Albrecht Hellmann: auch von dieser, der europäischen Welt sein, die die schlechthin entgötterte und antireligiöse ist!), ihre Gemeinschaft die Organisation und Fabrik, ihre Verbundenheit der Handel und Verkehr, ihre Verwirklichungsmittel und -formen das Heer und der Krieg, die Maschine und die Technik. Dieses Weltsystem, nach langem geschichtlichem Wachstum heute schon mechanisiert, zwingt das ganze Leben der europäischen Völker in seinen Bann, alles dient ihm, mit oder ohne Willen. Und es kann nicht besser werden, denn es kann nicht gut werden, das Gute kann nicht gut bleiben, das Böse nicht verwandelt und gut werden. Unheimlich gierig lauert der Moloch des Machtstrebens über dem Leben der europäischen Menschheit Rettungslos ist sie ihm verfallen, denn Europa ist heute die Welt Es gibt keine Rettung und Zuflucht, es gibt keine Hoffnung mehr. Alle Zukunftsträume haben gelogen, alle Ideen wurden durch ihre Verwirklichung geschändet, alle Güte um ihren Sinn betrogen, aller Geist vergewaltigt oder durch sich selbst prostituiert, der Sinn in Wahnsinn verkehrt, das Recht in Gewalt und die Gerechtigkeit in Macht Die Seele verblutet in hoffnungslosem Gram und todwunder Verzweiflung. So gibt es wirklich keine Rettung? Niemals und nirgends? Besinnen wir uns noch ein letztes Mal: ist der ungeheure Bau, der auf dem europäischen Machtsystem ruht, wirklich ohne jede Lücke, nirgends ein Punkt, ihn aus den Angeln zu heben, der also außerhalb seiner liegen müßte, von ihm nicht ganz umschlossen sein dürfte? Gibt es in Europa keine Idee, die uneuropäisch, also reine Idee, in ihren Grundkräften nur geistig ist, die gegen die Geschichte, gegen die ökonomischen „Gesetze", gegen den Vorteil des Individuums, gegen Gewalt und Materie sich verwirklicht und ihnen darum nicht unterliegt? Es gibt eine, die jüdische: der Zionismus, der Versuch des Gottesvolkes, in sich die Menschheit zu erlösen. Dies und kein anderer ist der Sinn des Zionismus, zu diesem und keinem anderen Ziele wurden wir vor einem Schicksale, furchtbarer als das aller Völker, für den heutigen Tag aufgespart, um dieser und keiner anderen Berufung willen haben wir unter unsäglichen Martern und Qualen die Jahrtausende überdauert Mit tiefinnerster Seelenmacht und gläubigster Leidenschaft sei aufgerufen wider jene, die den Zionismus in den nationalen Egoismus umfälschen wollen, der sich heute nicht mehr scheut, den „sacro egoismo", die satanische Gewalt, als das letzte Ziel nationaler und staatlicher Ethik zu proklamieren. Der Egoismus bedarf aber nicht Palästinas, er führt auch sein nationales, nicht bloß sein individuelles Leben reicher und fortgeschrittener in seiner wahren Heimat Europa. Es ist nicht wahr, nein, es ist nicht wahr, diesen letzten, diesen einzigen Glauben lassen wir uns nicht aus der Seele reißen: der Zionismus ist nicht wie alle andern Nationalismen der europäischen Völker*), er ist nicht die gebräuchliche Kundgebung animalischer Rasseninstinkte und wüst nationalistischer Gefühle, er ist der Sieg der reinen Idee gegen die geschichtliche Notwendigkeit der Assimilation, gegen den Zwang der Ökonomie zur Zerstreuung, *) Gibt es ein schmerzlicheres Eingeständnis der unaufhörlichen geistigen Prostitution in unserer Zeit als den Zwang, angesichts des jetzt tobenden, so verräterisch leicht als Ressentiment der bei den „Kriegsgewinnen" zu kurz Gekommenen zu entlarvenden Menschheitsdeliriums sagen zu müssen: diese Auffassung eines antinationalistischen, menschheitlichen Zionismus wurde von mir ausgesprochen, als noch der nationalistische Wahnsinn Mode war, vor der russischen Revolution (in mehreren Aufsätzen der Prager jüdischen Wochenschrift „Selbstwehr", denen heute vielfach ganze Abschnitte wörtlich entnommen wurden)?