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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 293

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Verzweiflung und Besinnung
Date
1919-01-01
Page
293 (sequence 5)
Language
German
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Verzweiflung und Besinnung 293 Sünde wider den heiligen Geist wird nur noch unverhohlener und mit allseitigerem Verständnis begangen: das Fleisch ist Wort geworden und stündlich wird die Seele daran verraten und verkauft. Es gibt keine Lumperei (im Leben der Einzelnen wie der der Staaten) mehr, die nicht ihre Erklärung, ihre Rechtfertigung, ihre Größe — die Größe der an sie gewendeten Worte — fände, keine Gemeinheit, die nicht zur Geistreichheit würde, keinen Mangel und Fehler, der sich nicht schließlich als Reichtum und Vorzug entpuppte. Die Menschen sind nicht anders wie ihre Zeit. Doch nicht nur der Geist wird prostituiert. Unsagbar quälender ist noch die unablässige Schändung des Guten. Das ist das Ende, die abgründigste Verzweiflung. Es gibt keine geistige Anstrengung mehr, die trotz ihrer ursprünglich reinen und auf das Gute gerichteten Intention nicht letzten Endes dem Bösen dienen muß, deren guter Sinn nicht in sein Gegenteil verkehrt und umgebogen wird. Alles wäre noch zu ertragen: daß das Böse triumphiert und sich als das Gute bezeichnet — unerträglich und nicht mehr zu verwinden ist aber, daß das Gute dem Bösen dienen muß, ihm unterworfen und ausgeliefert ist, daß alles gute Tun am Ende böse wird. Die Revolution dient der Restauration, die Kantische Philosophie wurde mißbraucht von dem preußischen Militarismus, die Demokratie von bolschewistischen oder imperialistischen Demagogen, das Selbstbestimmungsrecht der Völker zur Errichtung neuer Gewaltherrschaften, um nur einzelnes hervorzuheben. Es gibt keine Partei und keine Klasse, die durch ihren Sieg nicht korrumpiert wird, deren ideale Antriebe nicht schließlich den schmutzigen Gelüsten ihrer arrivierten Führer gedient haben, deren reine Idee, kaum daß sie eine Macht geworden ist, nicht zu Zwecken persönlichen Vorteils mißbraucht und vergewaltigt wird. Immer und immer wieder mündet jede Quelle einer hohen und edlen Anspannung in den Strom des ewigen, überzeitlichen Machtsystems. Ob die Wässer dieses Stromes bald trüber oder heller werden, ist im Grunde gleichgültig. Ganz rein können sie nicht werden, weil es die Gewalt, in deren Bett sie dahinfließen, nie werden kann. Dieses politische Machtsystem, dem alles dient, von den materiellsten Voraussetzungen bis zu den geistigsten und im tiefsten Seelischen wurzelnden Äußerungen, ist immer als das konstante, unveränderliche Element der europäischen Geschichte zu finden. Durch keine Revolution wurde es in seinem Kern berührt, sondern höchstens gewandelt und erneuert. Seine Träger und seine Objekte mochten wechseln, es selbst aber überdauerte sie alle, die unzerstörbare Achse, um die das europäische Leben kreist, die bestimmende Linie seines geschichtlichen Geschehens bis zu diesem Tag. Das kapitalistische System unserer Zeit ist ja nichts anderes als der (vorläufige) Höhepunkt einer seit dem frühen Mittelalter begonnenen Entwicklung, die ihren Ursprung im Römischen Reich mit seinem maßlosen Imperialismus, seiner Latifundien- und Sklavenwirtschaft, seinem individualistischen und nationalistischen Recht hat — jenem Römischen Reich, dessen nach außen gewendeter, kolonisierender, brutaler Herrschaftswille, nachdem er sich durch die Unterwerfung des ganzen damals bekannten Erdkreises erschöpft hatte, notwendigerweise nach innen schlagen und es zersprengen mußte. Das System der europäischen Welt ist das System der nackten oder maskierten Gewalt, ihr Recht die „wohlverstandene Politik der Gewalt" (Jhering), ihre Wirtschaft der Kapitalismus und Agrarindividualismus, ihre Religion das Christentum, dessen „Reich nicht von dieser Welt ist" (welcher Religion Reich könnte

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