Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Verzweiflung und Besinnung
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Albrecht Hellmann: Nicht die menschliche Gerechtigkeit, vor der die Menschen ungleich sind, sondern die göttliche verlangt die gesellschaftliche Verteilung der Güter, denn vor Gott allein sind die Menschen gleich. Sie verlangt sie aber nicht durch das Mittel eines neuen Lebensmittelkartensystems, das mit der Ernte und der Baumwolleinfuhr auch den Geist „erfaßt", sondern durch das geistige Medium der Liebe und des Opfers. Und sie erstrebt sie nicht auf dem Wege der Diktatur des Proletariats oder irgendeiner anderen Gewalt, sondern (sozusagen) durch die Diktatur des Geistes. Welche Hoffnung bleibt also noch, wo ist der wahre Sozialismus, wenn der falsche, der marxistische, im Bolschewismus seinen Zusammenbruch erlebt hat? Zeigt sich dieser Zusammenbruch nicht schon längst überdeutlich, nicht nur in der praktischen Ausführung der Theorie in einem Lande und nicht nur infolge der Widerstände der Feinde, was nichts beweisen würde, sondern auch bei allen seinen Versuchen überall und besonders bei durch äußere Gegner nicht zu störenden? Dieser Zusammenbruch bedarf nicht der Bestätigung durch die Tatsache der politischen Vernichtung des Bolschewismus, der sich länger als die Kommune halten wird, da der Krieg, dessen Reaktion er ist, um soviel länger und zerstörender gedauert hat; denn darin läge alles eher als ein Beweis seines inneren Zusammenbruchs. Vielleicht ist aber noch jemand so naiv, in der Sozialisierung genannten Verstaatlichung gewisser Industriebetriebe und der Aufteilung des Großgrundbesitzes die Verwirklichung des Marxismus zu sehen. Dann ist auch der Staatssozialismus, besonders der des Krieges, dessen Idee zweifellos dem geistigen Rüstzeug des wissenschaftlichen Sozialismus entlehnt wurde, Marxismus. In Wirklichkeit ist er aber sein größter Verrat und seine schwerste Niederlage, vor allem der Kriegssozialismus, der durch die Umschaffung des Prinzips der kapitalistischen Einzelwirtschaft in die Form der kapitalistischen Kollektivorganisation mit staatlich garantierter Zwangsgewalt nur einem gesetzlich geschützten Kriegswucher diente. Scheinbar bestimmt, den allgemeinen und Gesamtinteressen zu dienen, haben die kriegswirtschaftlichen Zentralorganisationen das Ergebnis gehabt, zur Bereicherung einzelner weniger und zu weiterer unerhörter Kapitalskonzentration beizutragen. Und mehr als gewisse begrenzte Besitzverschiebungen wird die jetzt geplante ohnehin sehr sporadische „Sozialisierung", die überdies noch spärlicher zur Durchführung gelangen wird, auch nicht im Gefolge haben. Doch der wahre, der unwissenschaftliche, der mit Recht „utopisch" genannte Sozialismus, jener große und menschliche Gemeinschaftswille nach Gerechtigkeit? Wird nicht der sterbende Marxismus auch ihn erschlagen? Europa schuf nur den Marxismus, dessen geistige Voraussetzungen und gedankliche Methoden europäisch, dessen Mittel bei seiner Verwirklichung noch nicht einmal europäisch und dessen Leidenschaft und Ethos jüdisch sind. Sie alle stammen von Karl Marx, dem europäischen Denker, Marx, dem wurzel- und heimatlosen Politiker, und Marx, dem durch Blut und Seele noch jüdischen Menschen. Einen anderen Sozialismus an die Stelle des marxistischen zu setzen, ist Europa aus eigner Schöpferkraft nicht imstande. Auch dies ist nun vorbei. Es gibt keine Hoffnung mehr. Keine Hoffnung, die sich noch erfüllt. Wer betete nicht, die große Zeit und ihre geistige Verpestung möge endlich ein Ende nehmen? Doch die Pestilenz ist nicht gewichen, nur in manchen Ländern ist an die Stelle der verschämten Korruption der Monarchie die unverschämte der Republik getreten. Und die